10. 08. 2016 Mohamed Wa Baile

Black Lives Matter

Der Autor dieses Berichts ist dunkelhäutig. Immer wieder wird er von der Polizei kontrolliert – ein typischer Fall von racial profiling. Nun weigert er sich, seinen Ausweis zu zeigen. Wegen Nichtbefolgens polizeilicher An­ordnungen wurde ein Strafverfahren ge­gen ihn eingeleitet.

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Mohamed Wa Baile hat auf Grund seiner Erlebnisse das Theaterstück «Mohrenkopf im Weissenhof» geschrieben. Fotos von der Inszenierung des Stücks im TOJO Theater (Bern) anlässlich der Tour de Lorraine 2016.

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Wenn Sie meinen, Afrikaner seien Drogen­dealer, Araber Taschendiebe und Verge­waltiger und Muslime Terroristen, dann ist es höchste Zeit, mit Ihrem Schubladen­denken aufzuräumen. Schlimmer ist es jedoch, wenn fremdenfeindliche Bilder in den Köpfen von Polizeibeamt*innen sol­che Haltungen sogar noch bestärken.

Es darf doch nicht sein, dass die Polizei mich als Drogendealer sieht, nur weil ich eine stark pigmentierte Haut habe. Ich pendle regelmässig früh am Morgen von Bern nach Zürich, um als Dokumentalist an der ETH zu arbeiten und damit für meine beiden Kinder sorgen zu können. Es darf doch nicht sein, dass mein Kollege, dessen Mutter Schweizerin ist und dessen Vater aus Ägypten stammt, als Taschen­dieb, Vergewaltiger oder Terrorist da­steht, weil er einen Bart trägt. Wie andere Schweizer*innen fährt er jeden Morgen mit dem Zug, um als Berater zu arbeiten und so für seine beiden Kinder zu sorgen.

Institutioneller Rassismus bei der Schweizer Polizei

Die Rassenstereotypisierung der dunkel­häutigen Bevölkerung durch die Verknüp­fung von Aussehen und Kriminalität ist leider ein gängiges Merkmal der Polizei­kultur in der Schweiz. Die Vorstellung von Stereotypen, die dunkelhäutige Menschen pauschal als potentielle Krimi­nelle einstufen, ist bei der Polizei so allge­genwärtig, dass manche dunkelhäutige Menschen sich extra schick mit Anzug kleiden, wenn sie aus dem Haus gehen, nur um Polizeikontrollen zu vermeiden.

Der im September 2014 veröffentlichte Länderbericht der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) sowie der Bericht des Committee an the Elimination of Racial Discrimina­tion (CERD) aus dem Jahr 2014 zeigen auf, dass in der schweizerischen Poli­zeipraxis nach wie vor «dunkelhäutige Personen aufgrund des racial profiling häufiger von der Polizei kontrolliert werden, einschliesslich Verhaftungen, dem Zwang sich zu entkleiden und Körperdurchsuchungen nach Drogen».

Wir leben aber in der Schweiz des 21. Jahrhunderts, wo weiss und blond nicht die einzig wahren Bilder von Schweizer Bürger*innen sind. Deswegen plädiere ich dafür, gegen Polizeikontrol­len, die auf einer Kategorisierung auf­grund der Hautfarbe basieren, sowohl rechtlich als auch politisch vorzugehen – sie verstossen gegen das Diskriminie­rungsverbot nach Artikel 8 der Bundes­verfassung.

Racial profiling muss gestoppt werden

Tabea Rai, eine Kollegin, wird anders behandelt als ihre Freund*innen. Vor zwei Jahren wurde sie beispielsweise am Hauptbahnhof vor allen Leuten von Poli­zist*innen grundlos herausgepickt, ge­stoppt und aufgefordert, sich auszuweisen. Gewaltfrei zog sie ihren Rucksack und ihre Jacke aus und übergab sie den Be­amt*innen, damit sie alles durchsuchen konnten. Tabea Rai, die Sozialpädagogin ist, fragte die Polizei auf Berndeutsch, warum denn die anderen nicht kontrol­liert würden. Sie bekam keine Antwort. Allerdings sagt sie: «Meine Erfahrungen, als Schweizerin wegen meiner Hautfarbe immer wieder als <Ausländerin> behan­delt zu werden, nehme ich locker und mit Humor.»

Ein anderer Kollege, Mess Berry, wurde wie Tabea Rai wegen seiner dunklen Hautfarbe kontrolliert. Oder vielleicht wegen seiner Hip-Hop-Kleidung? «Ich habe schon Verständnis, wenn ich von der Polizei kontrolliert werde, allerdings soll­te dabei mein Verhalten ausschlaggebend sein und nicht mein Aussehen.» Eine Klage gegen die Polizist*innen konnte er nicht weiterziehen, weil er sie sich finan­ziell nicht leisten konnte.

Seit 2015 weigere ich mich, mich auszu­weisen, wenn ich als einziger aus einer Menschenmenge von der Polizei heraus­gepickt werde.

Die Aussagen machen deutlich: Polizei­kontrollen werden von vielen Betroffenen nicht grundsätzlich als Problem wahr­genommen. Für viele ist klar, dass die Polizei das Recht hat, Menschen anzuhal­ten, zu kontrollieren und die Personalien aufzunehmen. Ohne Polizeikontrollen wären die Chancen geringer, Kriminelle präventiv zu bekämpfen. Höchst proble­matisch ist es aber, Menschen ausschliess­lich aufgrund äusserer Merkmale, die auf ihre Ethnizität hinweisen, zu kontrollieren. Das ist racial profiling, eine rassisti­sche Praxis.

Seit 2015 weigere ich mich, mich auszu­weisen, wenn ich als einziger aus einer Menschenmenge von der Polizei heraus­gepickt werde. Dies insbesondere, wenn mein Verhalten keinerlei Anlass dazu gibt, dass Beamt*innen auf mich aufmerksam werden sollten. Immer wieder werde ich von Polizeibeamt*innen gestoppt und kontrolliert, sei es auf dem Weg zur Arbeit, vor der Zentralbibliothek Bern oder vor der Kita meiner Kinder. Ich bin es leid, immer wieder ins Visier der Polizei zu ge­raten, ungeachtet dessen, wo ich mich aufhalte und wie ich mich verhalte.

Fast alle meine Kolleg*innen mit dunkler Hautfarbe haben schon Polizeikontrollen erlebt. Demgegenüber wurden alle meine weissen Kolleg*innen nie kontrolliert, ausser wenn sie an einer Demo teilnah­men. Genau dies zeigt auf, dass racial profiling ein institutionelles Problem der Polizei ist, welches sie auf der Basis von rassistischen Narrativen wie Hautfarbe oder anderweitiger «nichteuropäischer» Erscheinungsmerkmale Entscheidungen treffen lässt.

Wie sollen sich Betroffene gegen Polizeikontrollen wehren?

Wenn man in eine Polizeikontrolle gera­ten sollte, ist es sehr wichtig, überlegt zu handeln, sich gewaltfrei zu verhalten und anständig zu kommunizieren. Ich verhalte mich immer kooperativ, auch wenn mich die Polizei in eine Ecke stellt oder auf den Polizeiposten mitnimmt. Entwürdi­gende Kontrollen lasse ich auch in der Öffentlichkeit widerstandslos über mich ergehen. Dazu muss man die Hände gut sichtbar hoch halten und auch die Beine spreizen, wenn die Beamt*innen dazu Anweisung geben - das alles stillschwei­gend. Die einzige polizeiliche Handlung, gegen die es ganz wichtig ist zu protestie­ren, betrifft die Fragen nach den Persona­lien. Auf Fragen – «Wie heissen Sie?», «Woher kommen Sie?» oder «Wohin gehen Sie?» – sollte man nicht antworten. Ein­fach stumm bleiben und nichts sagen: ge­waltfrei protestieren. Gewaltlosigkeit ist das Grundgerüst im Kampf gegen rassis­tische Polizeikontrollen.

Allerdings muss sich jeder und jede be­wusst sein, dass, wer sich weigert sich auszuweisen, mit einer Busse wegen Nichtbefolgens einer polizeilichen Anord­nung rechnen muss. Es ist klar, dass sich dies nicht alle Betroffenen leisten können. Es hat Konsequenzen, die Polizei kritisch zu hinterfragen, ans Gericht zu gehen und eine Busse zu bekommen. Jede und jeder sollte selber entscheiden, wie er oder sie sich verhalten möchte. Opfer von rassis­tischen Polizeikontrollen, die sich weh­ren möchten, um ihre Würde zu behalten, sollten jedoch unbedingt eine gewaltlose Strategie wählen.

Die richtige Strategie anwenden

Seit einiger Zeit arbeitet eine Gruppe von Aktivist*innen und Jurist*innen an Stra­tegien, wie es gelingen kann, das Thema racial profiling ernster zu nehmen und in der Öffentlichkeit sichtbarer zu machen. Konkret versuchen wir verschiedene Ebenen anzugehen, wie zum Beispiel die Rechtsentwicklung, eine Vertiefung der Problemstellung durch Dokumentation und Sichtbarkeit, die Kritik an der insti­tutionalisierten Nachlässigkeit der Polizei. Um diese Ziele zu erreichen, sollen folgen­de Massnahmen getroffen werden:

Wir müssen alles tun, um unsere Würde zu bewahren

Wir brauchen eine organisierte Bewe­gung, die das Problem des racial profiling behandelt. Aktivist*innen und Juristin­nen, die sich für diesen Kampf einsetzen, sind unsere Kamerad*innen. Aber ihre Unterstützung ist nur halb so gut, wenn sie nicht mit Betroffenen zusammenkom­men und sich aktiv austauschen. Auf­grund unserer Betroffenheit und unserer Erfahrung sind wir, die dunkelhäutige Bevölkerung in der Schweiz, wichtige Akteur*innen, um uns gegen racial profi­ling einzusetzen.

Racial profiling wird erst richtig wahrge­nommen, wenn auch Menschen mit afri­kanischer Herkunft ihre Betroffenheit wahrnehmbar machen. Ohne aktiv unsere Stimme zu ergreifen, werden wir stets auf die Jammer-Position reduziert und nur zu einem Dialog eingeladen, in welchem wir unsere schlechten Erfahrungen er­zählen sollen, um uns dann am Ende an­zuhören, dass die Polizei grundsätzlich legitimiert ist, uns zu kontrollieren. Wir hören immer die gleichen Argumente: Viele Schwarze würden an der Zürcher Langstrasse, in der Reitschule Bern, auf dem Place de la Riponne in Lausanne, im Genfer Quartier Plainpalais oder in der Basler Elisabethenanlage mit Drogen dealen. Dies ist bisher das Kernelement der Dialoge geblieben. Das muss sich ändern.

Ja, es gibt schwarze Drogendealer*innen. Es ist aber untragbar, alle Schwarzen in einen Topf zu werfen, nur weil ein paar wenige davon Drogendealer*innen sind.

Nein zu Schubladisierung und rassistischen Polizeikontrollen

Oder sind alle Weissen Rassist*innen, weil ein paar von ihnen Nazi-Anhänger*innen sind? Die Rechtfertigung der rassistischen Profilerstellung von schwarzen Menschen basiert auf wenigen Dealer*innen und sollte daher nicht toleriert werden. Ich verstehe schon, dass die Polizei in unsi­cheren Situationen relativ schnell reagie­ren und Kontrollen durchführen muss. Und mir ist auch der Artikel 215 der Schweizerischen Strafprozessordnung (StPO) bekannt. Gemäss diesem Artikel ist die Polizei ausdrücklich legitimiert, Personen anzuhalten und ihre Personalien zu erfragen und zu prüfen. Warum haben aber fast alle meiner Kolleg*innen mit dunkler Hautfarbe schon Polizeikontrol­len erlebt und alle meine weissen Kol­leg*innen wurden bisher so gut wie nie kontrolliert?

Wir Schwarzen müssen in dieser Thema­tik an vorderster Stelle kämpfen und aus der uns zugeschriebenen Opferrolle aus­brechen. Wenn wir nicht aktiv werden, wird uns niemand ernst nehmen, weder unsere weissen Kamerad*innen, noch die weisse Polizei. Wir werden als «Ärmste» und als «Drogendealer» etikettiert bleiben. Dagegen müssen wir kämpfen.

Black Lives Matter – das gilt in den USA wie auch in der Schweiz!

*Mohamed Wa Baile arbeitet an der ETH-Zürich. Er hat zwei Kinder, für wel­che er sich wünscht, dass sie nicht eines Tages mit dem Gefühl leben müssen, auf­grund ihres Namens, ihres Aussehens oder ihrer Religion verurteilt und diskri­miniert zu werden, und dass sie die Polizei nicht bald als Gegner wahrnehmen wer­den. Kontakt: www.wabaile.com.

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