21. 08. 2017 Badr Bodor

Chronik einer Ausschaffung (I)

Am frühen Morgen des 5. August wird für den Autor ein Alptraum wahr: Er wird gefesselt und unter dem Einsatz von Gewalt nach Marokko ausgeschafft.

Bild: 2017-08/1503307618_flyer-ausschaffung.jpg

Mit diesem Flyer führt das Migrationsamt den Ausschaffungshäftlingen vor Augen, was sie erwartet, wenn sie Widerstand zeigen.

Freitag, 3. August, 5 Uhr morgens im Zürcher Flughafengefängnis. Nach anstrengenden Gesprächen mit dem Staatssekretariat für Migration schlafe ich tief in meiner Zelle. Plötzlich öffnet sich die Tür, vier Polizeibeamte tauchen auf dem Nichts auf und sagen mir, dass sie mir auf der Polizeistation etwas mitteilen wollen. Es dauere nur fünf Minuten. «Kommen Sie mit?» Mit verschlafenen Augen blicke ich sie an und versuche zu verstehen, was geschieht.

Drei Beamte zerren mich an den Armen auf die Beine und aus der Zelle heraus und fixieren meine Arme mit Handschellen auf dem Rücken. Panik schiesst durch meine Venen. Was kann um diese Uhrzeit so wichtig sein und doch nur fünf Minuten dauern? Mir ist klar, dass es nicht um ein kurzes Gespräch geht – das Flughafengefängnis ist ein Ausschaffungsgefängnis, in dem zahlreiche Geflüchtete auf den Tag ihrer Rückführung zurück in ihre Herkunftsländer warten.

Eine Ausschaffung ist doch fast nicht möglich?

Im Lift nach unten blicke ich den Einsatzleiter stumm an. Ich weiss, was in seinem Kopf vorgeht: Er wird versuchen, mich nach Marokko auszuschaffen. Wir gehen zum Polizeiwagen, der vor dem Gefängnis auf uns wartet; währenddessen geht ein Beamter zurück in meine Zelle, um meine Sachen zu holen, die sich in den vergangenen vier Monaten Haft angesammelt haben. Wir sitzen nur wenige Minuten im Auto, das mich zum Flughafen bringen wird, doch ich beginne bereits, über meine Möglichkeiten des Widerstandes nachzudenken. Kein*e Pilot*in der Welt würde jemanden an Bord seines Flugzeuges akzeptieren, der*die keine Papiere hat und unter Zwang fliegen soll. So habe ich es jedenfalls gehört, besonders für Marokko.

Wir fahren zur Polizeistation am Flughafen. Sie bringen mich in irgendeine kleine Zelle, die mich an die Kaserne in Zürich erinnert, und fordern mich auf, mein Gesicht zu waschen und mit offener Tür die Toilette zu benutzen. Im Spiegel, der an der Wand hängt, sehe ich mein Gesicht, atme tief durch und sage mir: Sei stark! Als ich die Toilette verlasse, steht neben den vier Beamten auch ein Arzt, der in dieser dreckigen Aktion gegen meine Freiheit für Sicherheit und meine Gesundheit sorgen soll. Nachdem er mir seinen Namen und Beruf nennt, fragt er mich, wie ich mich fühle. Ich sage zu ihm, dass ich unter enormem Stress stehe wegen dem, was in diesem Moment mit mir passiert. Drei Polizeibeamte stehen um uns herum und starren uns für fast eine halbe Stunde an. Dann spricht mich der Einsatzleiter an: «Wir haben von deiner Botschaft ein Laissez-Passer erhalten und werden dich heute nach Marokko ausschaffen. Wir haben die Erlaubnis, Gewalt gegen dich anzuwenden. Wenn du also kooperierst, wird es keine Probleme geben.» Ich habe an diesem Tag noch kein einziges Wort zu ihm gesagt, doch in diesem Moment explodiere ich. «Was willst du jetzt, dass ich dir sage? Ich will nicht zurück gehen! Bitte sprich nicht mit mir, lass mich in Ruhe.» (Anm. d. Red.: Verfügt eine Person über keine gültigen Reisedokumente, muss das Zielland ein sogenanntes Laissez-Passer ausstellen, sonst kann die Ausschaffung nicht durchgeführt werden.)

Einen Menschen verpacken, als wäre er keiner

Während dieser halben Stunde, in der wir auf den ersten Flug warten, ziehen sie all meine Kleider von meinem schlaksigen Körper, um zu kontrollieren, ob ich irgendeine Massenvernichtungswaffe in meinem Hintern versteckt habe. Nach der Durchsuchung geben sie mir andere Kleider für den Flug, an denen auch ein Ledergürtel für meine Hände angebracht ist. An meine Gelenke legen sie zwei verschiedene Handschellen an, und in diesem Moment überwältigen mich die schlimmsten Panikgefühle. Einen Menschen so zu verpacken, als wäre er keiner!

Mit refugees, die einen negativen Asylentscheid erhalten haben, versucht das Staatssekretariat für Migration normalerweise zuerst einen «freiwilligen» Rückflug, wenn sie die Rückkehrhilfe ablehnen. Klappt dies nicht, steigern sie die Repression auf verschiedenen Levels (siehe Bild). In meinem Fall war ich ziemlich sicher, dass Marokko niemanden ohne Papiere akzeptieren würde, denn vor meiner Ausschaffung haben sich schon viele Piloten geweigert, unfreiwillige Passagiere mitzunehmen.

Nach dieser Prozedur bringen sie mich wieder in den Polizeiwagen und zum Flughafen. Auf der Anzeigetafel in der Eingangshalle suche ich nach irgendeinem Hinweis für Marokko, ein Symbol, einen Satz, weil ich davon ausgehe, dass der Flug direkt in mein Land führt. Zu meiner Überraschung geht es zuerst nach Frankreich. Die Air France kooperiert in diesem Deal mit der Polizei und dem Staat, um mich von Zürich zum Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle zu bringen. Das verstehe ich in diesem Moment noch nicht, die Gedanken kreisen in meinem Kopf. Sie können mich dort nicht akzeptieren! Nach zehn Minuten kommt die Crew mit dem Piloten in unsere Richtung. Der Einsatzleiter bewegt sich aus dem Auto und beginnt ein Gespräch mit dem Piloten, sie gehen zusammen in die Flugzeugkabine und diskutieren dort lange über die weiteren Verläufe. Ich selber kann nicht mit ihm sprechen. Dann gibt der Einsatzleiter seinen Schergen das Kommando, mich nach oben zu bringen. Mein Herz beginnt zu hämmern. Ich will selber mit dem Piloten sprechen, doch als mich drei Beamte mit extremer Gewalt ins Flugzeug zwingen, sehe ich ihn zuerst nirgends. Dann entdecke ich ihn zusammen mit dem Co-Piloten in der Kabine; sie tun so, als ob nichts wäre. Ich beginne zu schreien: «Ich will nicht zurück, wie können Sie das auf Ihrem Flug tolerieren?!» Er dreht seinen Kopf in meine Richtung und blickt mich desinteressiert an.

Krawall auf dem Linienflug - Solidarität bleibt aus

Sie bringen mich zum letzten Sitzplatz, links und rechts sitzt je ein Polizist, hinter mir der Einsatzleiter mit dem Arzt. Ich bereite mich innerlich darauf vor, Krawall zu machen, wenn die anderen Passagiere boarden; es handelt sich um einen normalen Linienflug, was ich erst nach etwa 20 Minuten realisiere. Allmählich nimmt eine*r nach dem*der anderen Platz.

In diesem ruhigen Moment kurz vor Abflug stehe ich abrupt auf und versuche, alle auf mich aufmerksam zu machen. Ich beginne zu schreien und zu schimpfen, auf Französisch, Englisch und Arabisch, um alle darüber zu informieren, was hier gerade vor sich geht. Ich sage, dass ich ein refugee bin und nicht in diesem Flugzeug sein will, dass ich nicht nach Marokko ausgeschafft werden will… Kaum 20 Sekunden vergehen, dann spüre ich die Hände der Polizisten an meinem Körper und vor allem in meinem Nacken. Mit Gewalt drücken sie meinen Kopf zwischen meine Beine – und während alldem sagt kein Passagier auch nur ein Wort! Meine Wirbelsäule schmerzt unter dem massiven Druck der drei Polizisten. Und es funktioniert… Ich kann nicht mehr aufstehen. Als ich es nochmals versuche, spüre ich einen brennenden Schmerz in meinem Rücken.

Erst als der Pilot die Fluginformationen durchgibt, merke ich, dass der Flug ab Zürich erst der Anfang ist. Es geht nach Paris, nicht nach Marokko. Normalerweise zeigen sie den Migrant*innen vor der Ausschaffung alle Dokumente, die sie über Abflugzeit, Ankunftsort, Fluggesellschaft etc. informieren. Mir haben sie nichts gezeigt, nicht mal das Laissez-Passer. Doch irgendwie spüre ich Erleichterung: Ich habe noch eine Chance.

Der Flieger startet und ist knapp eine Stunde in der Luft, bis wir in Paris ankommen. Mein Rücken brennt höllisch. Als der Arzt mich fragt, ob alles in Ordnung sei, verneine ich und fluche. Er fragt, ob ich ein Schmerzmittel nehmen will. Doch weil ich Angst habe, irgendein Medikament von ihm zu nehmen, weil es mich betäuben und meinen Plan an diesem schrecklichen Tag gefährden könnte, lehne ich ab. Ich denke über Paris nach. Letztes Jahr wurden von dort mindestens 40 Migrant*innen nach Marokko und Algerien ausgeschafft. Ich weiss, dass ich irgendetwas tun muss, um den nächsten Flug zu stoppen. Es ist meine letzte Chance.

Hier gehts zu Teil II: Erst, als Badr die rote Erde seines Landes wiederkennt, wird ihm bewusst, was geschieht: Er wird wirklich ausgeschafft.

Übersetzung aus dem Englischen: Rosa la Manishe


Um Badr den Einstieg in Marokko zu erleichtern, sammelt mitunter die ASZ Geld für ihn. Spenden sind sehr willkommen! Hier die Kontoangaben (bitte mit Verweis "Badr Bodor"):

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