17. 04. 2018 Redaktion

Die neue Papierlose Zeitung erscheint am 1. Mai

Eine Gebrauchsanweisung für Leser*innen

Bild: 2018-04/1524648999_pz-10-2018-titelseite.jpg

Illustration: Itzíar Tesán

Es ist schwere Kost, die wir Ihnen mit der neuen Papierlosen Zeitung servieren. Wir wissen es. Und doch bleibt uns keine andere Wahl. Denn schon der Schriftsteller Bertolt Brecht wusste, dass unter Umständen «ein Gespräch über Bäume fast ein Ver­brechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschliesst». Und geschwie­gen wird viel in diesem Land, über die Missachtung der Menschenrechte im Asyl­bereich, über irrwitzige Schikanen, über die Toten im Mittelmeer. Wir schweigen nicht. Und wenn wir unsere schweren Ge­schichten erzählen, dann tun wir dies nicht aus einer Haltung der Klage oder des Opfertums, sondern als Akt des Wider­stands. Wer seine Stimme gegen das Un­recht erhebt, hat noch nicht aufgegeben.

Nehmen Sie sich also Zeit für unsere Zei­tung. Lesen Sie den fesselnden Augenzeu­genbericht von Badr Bodor (S. 15–19), der eines der verheerendsten Schiffsunglücke vor der Küste Libyens überlebt hat. Er ist ein Zeitdokument gegen das Vergessen. «Wer wollte, konnte es wissen», werden spätere Generationen einmal über uns sagen können – auch dank solcher Texte. Legen Sie die Zeitung ruhig mal weg. Gönnen Sie sich ein Gespräch über Bäume, bevor Sie sich an den zweiten Schwer­punkt dieser Ausgabe heranwagen: unser Dossier über die Repression in den Zür­cher Notunterkünften und den Wider­stand dagegen (S. 2–6). Es erwarten Sie konkrete Schilderungen der Lebensbe­dingungen von abgewiesenen Asylsuchen­den sowie rechtliche, politische und his­torische Einschätzungen. Wo Unrecht zu Recht wird ... heisst das Bündnis, das versucht, sich den immer schärferen Mass­nahmen gegen die aufgrund falscher Her­kunft und Vermögensverhältnisse im Land Unerwünschten entgegenzustemmen.

Lassen Sie sich ruhig mal erschlagen von den Themen. Doch bleiben Sie nicht da­bei. Erzählen Sie weiter, was Sie gelesen haben. So leisten auch Sie einen Beitrag gegen das Schweigen und legen die pas­sive Haltung der Klage ab.Vielleicht mo­tiviert die Lektüre dieser Zeitung Sie ja sogar, beim lokalen antirassistischen Pro­jekt Ihres Vertrauens aktiv zu werden. Denn Alternativen zur gegenwärtigen
Abschottungs­- und Abschreckungspolitik sind da. Und auch sie haben Platz in die­ser Ausgabe. Andreas Cassee, Mitinitiant der Papierlosen Zeitung und Philosoph, öffnet mit seinem FAQ zur globalen Be­ wegungsfreiheit (S. 10–11) neue Perspek­tiven auf das Migrationsthema, tiefsinnig und doch konkret. Die Autonome Schule Zürich zeigt mit ihren Projekten, zu de­nen auch die Papierlose Zeitung gehört, dass ein anderes Zusammenleben mög­lich ist (S. 30, S. 31). Auch Humor ist eine Alternative zum verbissen geführten Mainstream­-Migrationsdiskurs. In diesem Sinne freuen wir uns, dass die Ideal News (S. 7) in die zweite Runde gehen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!

Die Papierlose Zeitung 10/2018 wird am 1.-Mai-Fest und an der Demo Zürich verteilt. Am 24. Mai liegt sie der WOZ bei. Gerne schicken wir Ihnen die Zeitung auch zu. Hier können Sie Ihre Adresse eintragen: http://www.papierlosezeitung.ch/seite/abo