30. 10. 2016 Hatim Baloch

Ein Weckruf: Genug ist genug!

Nachdem der Autor schon an der Demo Gekommen um zu bleiben in Zürich auftrat, hielt er auch am 1. Oktober in Lausanne vor fast 3000 Menschen eine Rede. Er schildert das widersprüchliche Spiel des Westens, einerseits von Krieg betroffene Regionen mit Waffen zu versorgen, aber für die von dort Geflüchteten die Türe geschlossen zu halten.

Bild: 2016-10/hatimlausanne.png

Quelle: SRF Tagesschau

Ich bin glücklich und dankbar darüber, dass ihr hier an diesem Protest teilnehmt. Es freut mich, dass ihr alle hier seid.

Ich bin politischer Asylsuchender aus Belutschistan1 und lebe nun seit vier Jahren in der Schweiz. Mein Asylgesuch wurde zwei Mal abgewiesen, einmal vom SEM in Bern, einmal von der Administration in St. Gallen. Momentan lebe ich in einem Notstatus und warte auf eine positive Antwort. Ich weiss nicht, ob sie kommt und wie meine Zukunft aussehen wird. Aber ich bin dankbar: Amnesty International Bern einerseits, der Asian Human Right commission andererseits, denn sie haben sich meinem Fall angenommen, haben meine Ausschaffung verhindert und mein Leben gerettet. Sonst hätten mir Folter oder der Tod gedroht.

Laut einem Bericht des UNHCR werden die meisten Geflüchteten weltweit von ihren Nachbarländern aufgenommen. Verglichen damit kommen nur wenige Menschen nach Europa. Und trotzdem: Die reichen, gut ausgestatteten und entwickelten europäischen Staaten weinen, schreien, halten Konferenzen und Treffen ab und geben einen Haufen Geld für Strategien aus, damit Refugees nicht hierherkommen. Sie argumentieren immerzu, dass sie nicht genügend Platz und Ressourcen hätten, aber ich denke, das ist nicht wahr. Es geht nicht um Platz oder Ressourcen, sondern um die Regierungen. Sie wollen sie einfach nicht hier haben. Geschäftsmänner und -frauen oder Tourist*innen heissen sie willkommen, schämen sich aber gleichzeitig, ihre Türen für arme und bedürftige Menschen zu öffnen, für Menschen also, die ein Dach über dem Kopf, Essen und Sicherheit brauchen.

Liebe Zuhörer*innen,

Niemand flüchtet freiwillig von seiner Familie und aus der Heimatstadt und kommt aus Spass hierher. Wir Geflüchtete kommen aus Kriegsgebieten, aus grossem Leiden, aus diktatorischen Regimes und aus radikal islamistischen Regierungen und deren religiösen Dominanz.

Ich erinnere mich immer noch daran, dass ich nicht einmal meiner Mutter Lebewohl sagen konnte, bevor ich mein Zuhause verlassen habe.

Wir kommen hierher auf der Suche nach Sicherheit, Freiheit und Frieden und hoffen darauf, ein normales Leben mit Respekt und Akzeptanz leben zu können, ohne Diskriminierungen. Hier schlägt jedoch alles ins Gegenteil um und wird zu einem Albtraum für uns. Die Asylgesetze und die Bürokratie halten grundlegende Menschenrechte von uns fern. Wir werden wie eine Akte, ein Stück Papier mit einer spezifischen Nummer behandelt, die in einem dunklen Raum in Bern gehalten werden. Wir warten jahrelang, manche vier Jahre wie ich – ich kenne aber jemanden, der seit über zwölf Jahren auf einen Bescheid wartet. Wir wissen nichts über unsere Zukunft, zu arbeiten oder zu reisen ist uns verboten. Wir leben in einem sehr reichen Teil der Welt, aber haben selber kein Geld. Es ist ein Land voller Möglichkeiten, aber auch voller Restriktionen; eine offene Gesellschaft, dennoch sind wir allein und abgeschnitten. Ein goldener Käfig, der nichts schafft ausser Frustration, Einsamkeit, Unsicherheit, Sorgen und Krankheiten.

Sind dies nicht Verstösse gegen die Menschenrechte? Oder sind wir keine Menschen?

Wenn der Westen uns nicht hierhaben will, warum greift er dann immer in unseren Teil der Welt ein und schafft Bedingungen für seine eigenen Interessen? Warum produziert und verkauft er eine solche Menge an Waffen? Wisst ihr wie viele moderne Waffenmanufakturen es allein in Europa gibt? Es sind um die 230 an der Zahl. Ist das nicht schockierend? Doch, das ist es!

Europa ist der viertgrösste Waffenlieferant in der Welt, hinter den USA, Russland und China. Die meisten Waffen werden nach Saudi Arabien geliefert. Einerseits wollen diese Staaten dort gegen den islamischen Extremismus und Terrorismus kämpfen und ISIS, Boko Haram, Al Quaida und die Taliban auslöschen. Andererseits machen sie diese dreckigen Waffengeschäfte mit ihnen. Welche Rolle spielt der Westen in diesem blutigen Geschäft? Die EU und die USA wollen ein luxuriöses Leben, sie wollen ihre Wirtschaft weiterentwickeln, um noch reicher zu werden.

Aber was ist mit den anderen, leidenden Ländern in dieser Welt? Was ist mit Syrien, Afghanistan, den afrikanischen Staaten, Belutschistan und Kurdistan? Für uns bleibt nur Dunkelheit, Armut, verstümmelte tote Körper, Zerstörung, Waffen, Krieg und Blut. Und all dies, während Pakistan, die Türkei und Saudi Arabien mit der Unterstützung des Westens den ideologischen und ökonomischen Nährboden für terroristische islamische Gruppen bieten.

In meiner Region habe ich nie gesehen oder gehört, dass die Schweiz oder Deutschland eine Schule, ein Spital oder ein Forschungsinstitut gebaut haben. Dafür sind die Deutsche AK47, die Österreichische Handgranate und den Schweizer Revolver umso bekannter. Eine enorme Menge an Waffen geht vom Westen nach Pakistan, und die Regierung dort benützt sie, um uns zu töten, unschuldige belutschische Zivilist*innen, und um die belutschische Freiheitsbewegung zu zerschlagen.

Laut einem neuen Bericht der Zeitung The Guardian hat die US-amerikanische Regierung unter Obama einen Deal mit Saudi Arabien für rund 60 Milliarden Dollar vereinbart – den grössten Waffenhandel in der Geschichte der USA. Was passiert nur in der Welt?!

Lasst und dies als Chance und Weckruf verstehen und entscheiden: Genug ist genug. Ich denke, es ist mehr als genug.

Ihr Lieben!

Lasst uns das Versprechen geben, dass wir alle unsere Pflicht wahrnehmen, die Welt zu retten. Ich bin sicher, dass wir das schaffen. Das einzige, was wir brauchen, ist dass ihr aus euren Komfortzonen rauskommt, euch zum Wandel bekennt und den Mut habt zu sagen, was falsch ist. Die Ungerechtigkeit muss gestoppt werden, die Diskriminierung muss gestoppt werden, die Produktion von Waffen und das blutige Geschäft dahinter müssen gestoppt werden.

Keinen Krieg mehr! Jetzt!

Dann bin ich sicher, dass wir viel Leid in den von Krieg betroffenen Regionen verhindern können. Jeder wäre in seinem eigenen Zuhause glücklich, niemand müsste mehr flüchten, Asylgesuche stellen und diesen horrenden Schwierigkeiten gegenüberstehen. Ich brauche dieses Versprechen von euch! Seid ihr bereit, dem Wandel zuzustimmen?

Lange lebe Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit.

Übersetzung aus dem Englischen von Sharon Saameli

1 Belutschistan ist eine besetzte Provinz im Süden Pakistans. Seit fast siebzig Jahren kämpfen die Belutsch*innen für ihre Unabhängigkeit. Diese Bestrebungen werden von Pakistan blutig unterdrückt. (Red.)

Asyl Belutschistan Flucht Rassismus Schweiz Waffen Widerstand

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