02. 10. 2015 Nicole Gisler

Eine Insel als Vorbild

Auf Lampedusa manifestiert sich spätestens seit zwei Jahren, was vielen in Europa erst diesen Sommer bewusst wurde: Die aktuelle Flüchtlingsthematik lässt sich nicht verdrängen. Wie gehen Bewohner der symbolträchtigen Insel mit dieser Situation um?

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Alte Boote auf Lampedusa, mit denen sich Flüchtlinge übers Mittelmeer wagten. © Claudio di Capitani

«Das sind doch nur Möwen», versuchte Vito zu beruhigen. Sein Freund hatte ihn vorzeitig geweckt. Er hatte Schreie gehört. Bereits am Vorabend waren sie zu acht aufs Meer gefahren und wollten am Morgen früh mit dem Fischen beginnen. Der Motor wurde ausgeschaltet und die Stille schien nur von kreischenden Möwen und Wellen, die an den Schiffsbug klatschten, unterbrochen zu werden. Vito nahm die Aufregung seines Freundes nicht besonders ernst. «Und plötzlich sahen wir all diese Menschen am Horizont, die im Wasser um Hilfe schrien.»

Paradoxer Entscheid des EU-Parlaments

Vito erlebte in dieser Nacht, was die kleine italienische Insel Lampedusa in den folgenden Monaten wieder in die Schlagzeilen bringen würde. Ein Boot mit Flüchtlingen, von Libyen aus gestartet und bereits nahe der Küste von Lampedusa, hatte am frühen Morgen des dritten Oktobers 2013 eine Panne. Mitfahrende versuchten daraufhin mit brennenden T-Shirts auf das Schiff aufmerksam zu machen, wodurch dieses Feuer fing und kenterte. Viele der etwa 545 Flüchtenden aus Somalia und Eritrea versuchten daraufhin, die Küste schwimmend zu erreichen. Die italienische Küstenwache und einheimische Fischer retteten etwa 155 Menschen, für über 360 Mitfahrende kam die Hilfe zu spät – sie ertranken.

Von einer Tragödie, die sich nicht wiederholen dürfe, wurde gesprochen. «Lampedusa muss ein Wendepunkt für die europäische Flüchtlingspolitik sein», wurde Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, zitiert. Paradox erscheint in Anbetracht dieser Worte die Reaktion des Europäischen Parlaments: Dieses stimmte lediglich eine Woche später, am 10. Oktober, dem Grenzkontrollsystem Eurosur (European border surveillance system) zu. Dieses ermöglicht es, den gesamten Mittelmeerraum mit Satelliten zu überwachen. Es war ein entscheidender Schritt für Europas Grenzregelung, ein Schritt hin zu noch mehr Abschottung.

Untersagte Hilfe

«Im ersten Moment stockten wir alle, die ganze Situation mit diesen vielen Menschen im Wasser fühlte sich an wie in einem Film», erzählt Vito, der auf Lampedusa eine kleine Eisdiele betreibt und regelmässig mit Freunden zum Spass fischen geht. Nach der Schockstarre rief endlich eine Person die Küstenwache um Hilfe, der Rettungsring wurde ausgeworfen und erste Leute an Bord gebracht. «Ich dachte, dass auf unserem Schiff höchstens Platz für zehn bis fünfzehn Personen ist», sagt Vito. Im Hafen kamen sie schliesslich mit 46 Geretteten an.

«Man muss sich das vorstellen: Da ertranken Menschen, zwei Kilometer vor unserer Küste.»

Dort befand sich wie jeden Morgen der Tauchlehrer Simone, mitten in den Vorbereitungen für seinen ersten Tauchgang dieses Tages. «Wir wollten soeben losfahren, als Vito mit seinem Boot im Hafen eintraf und lauthals um Hilfe schrie“, erinnert er sich. Sofort fuhr er selber los, zeitgleich klingelte sein Telefon: Die Küstenwache informierte ihn über das gekenterte Boot. «Wir hofften zutiefst, dass wir noch mehr Menschen retten könnten, und hielten im weiten Meer Ausschau nach Überlebenden.» Bald jedoch wurde ihm und den anderen Tauchern schmerzlich klar, dass dafür viel zu viel Zeit vergangen war. Simone wurde wütend – auch auf die Politik. «Man muss sich das vorstellen: Da ertranken Menschen, zwei Kilometer vor unserer Küste, und scheinbar wurde dagegen nichts unternommen.» Während er im Meer immer mehr Leichen entdeckte, füllte sich seine Taucherbrille allmählich mit seinen Tränen. Es schmerze ihn jedes Mal von Neuem, wenn er an diesen Tag zurück denkt.

Nach ihrer Rückkehr hielt die Küstenwache die Fischer im Hafen auf. Eine weitere Fahrt aufs Meer wurde ihnen verboten, da es nicht erlaubt sei, so viele Personen an Bord zu haben. Zudem wollte die Küstenwache Vito dazu bewegen, ein Protokoll mit den Vorkommnissen des dritten Oktobers zu unterschreiben. Er verweigerte aber seine Unterschrift, da im Protokoll von ihrem Hilferuf an die Küstenwache eine falsche Zeitangabe vermerkt war – statt 6:40 stand da 7:01.

Lampedusa als Beispiel für den Mittelmeerraum

Heute erinnert PortoM an jenen Tag. Schwimmwesten, Bibeln und Zahnbürsten sind an den Wänden entlang zu sehen, Schuhe baumeln von der Decke, am Eingang befindet sich ein kleines Magazin mit Büchern. PortoM ist ein Museum mit Fundgegenständen von Flüchtlingen, welches von einem lokalen Kollektiv namens Askavusa organisiert wird. Das Kollektiv setzt sich intensiv mit dem Thema Migration auseinander und möchte die Geschichte der Insel und ihren Bewohnerinnen und Bewohner erzählen. Aus dieser Motivation heraus entstand unter anderem der Film «Lampedusa – Die Tage der Tragödie», der von Erlebnissen verschiedener Lampedusani während diesen Tagen erzählt.

Ausserdem organisiert die Gruppe seit 2009 das «LampedusaInFestival», welches alljährlich in Lampedusa stattfindet und danach auf Tour geht. So war dieses im letzten Februar auch in der Roten Fabrik in Zürich zu Gast. Die Vorgänge auf dieser Insel können nicht als isoliertes Problem betrachtet werden, betont Giacomo, ein Aktivist aus dem Kollektiv ausdrücklich: «Lampedusa ist ein Beispiel für die Militarisierung, welche sich über den gesamten mediterranen Raum erstreckt.»

Migration ist kein Ausnahmezustand

Dass die Insel, auf der sie leben, zum Symbol der Flüchtlingspolitik Europas wurde, sehen nicht alle Lampedusani gerne. Durch die vermehrt schlechten Medienberichte kämen weniger Touristen und somit sei die Haupteinnahmequelle vieler Inselbewohner_innen in Gefahr. Michèle ist Kellner in einer Bar an der Via Roma, die Hauptachse der Touristen auf Lampedusa. Er schimpft. Nicht über die Flüchtlinge, sondern über Bürgermeisterin Giusi Nicolini. Sie ist seit 2012 Bürgermeisterin der Insel und erlangte bereits kurz nach ihrem Amtsantritt Bekanntheit: In einem offenen Brief prangerte sie die europäische Einwanderungspolitik an, die den Tod dieser Menschen in Kauf nähme, um die Migrationsflüsse einzudämmen.

Lampedusa und seine Bewohner hätten stattdessen stets Menschen bei sich willkommen geheissen und wären somit ein Gegenbeispiel zur Politik der EU. «Durch sie und die von ihr stets gesuchte Aufmerksamkeit auf Lampedusa als Symbol für die Flüchtlingspolitik Europas, leidet das Image unserer Insel als Urlaubsort», sagt Michèle. Dass Flüchtlingen geholfen werde, findet er jedoch wichtig. Stolz sei er darauf, wie sich die Lampedusani nach dem dritten Oktober und in vielen anderen Situationen bisher verhalten haben: «Es ist klar, dass wir Menschen helfen, wenn es ihnen schlecht geht», betont Michèle. Doch irgendwann müsse wieder Normalität einkehren.

Vito dagegen betrachtet gerade die Migration als Normalität auf der Insel. Nicht normal dagegen sei seiner Meinung nach jedoch der momentane Zustand, wie die Behörden auf Flüchtlinge reagieren. Im Anschluss an die Seenotrettung und das fragwürdige Protokoll, welches er hätte unterschreiben sollen, verfasste er eine Anklage: In jener hielt er seine eigene Sicht auf die Einzelheiten detailliert fest. Nach einiger Zeit erkundigte er sich bei den Behörden, auf wann er einen Bescheid erwarten könne: Auf eine Antwort wartet er bis heute.

«Wir Lampedusani verhalten uns anders als die Politiker Europas»

Der Taucher Simone wiederum schwärmt für Lampedusa als perfekte Insel für Badeferien. Und doch wünscht er sich, dass neben Meer und zahlreichen Stränden vielmehr auch die Hilfsbereitschaft und das Mitgefühl der Einwohner und ihre persönlichen Geschichten in Erinnerung bleiben. «Wir Lampedusani verhalten uns anders als die Politiker Europas», sagt er bestimmt. Bekäme er von den Politikern, deren Entscheidungen sein tägliches Leben immens mitbestimmen, ein offenes Ohr, so würde er diese mit folgenden Worten einladen: «Kommt mal mit mir mit, wenn ich die nächsten Leichen bergen gehe. Schaut in diese toten Augen. Und sagt mir dann nochmals, dass dies die Politik ist, die zu machen ihr bestrebt seid.»

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