19. 06. 2017 Malek Awssi

Etwas für die Gesellschaft tun

Ausgerechnet das Wort «Integration» hat Malek Awssi an einer 1. Mai-Kundgebung in Zürich nicht verstanden. Mittlerweile hat er ein eigenes Verständnis des Begriffs entwickelt, das sich stark von den üblichen Integrationsimperativen unterscheidet: Trotz der Steine, die ihm die Behörden in den Weg legen, engagiert er sich aktiv in der Gesellschaft. Eine besondere Rolle spielt dabei die Sprache.

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Der Briefkasten ist mein Schicksal. Hier liegt der Hund begraben. (Foto: Malek Awssi)

Als ich in die Schweiz kam, war das Wet­ter schön. Ich hatte das Gefühl, mein Ziel erreicht zu haben, weil ich auf der Reise hierher nirgends meine Fingerabdrücke abgeben musste. Und: Es gab mir Mut, dass ich im Asylzentrum in Altstetten auf viele bekannte Gesichter aus Syrien traf.

Bald merkte ich aber, dass ich hier weder mit Kurdisch noch mit Arabisch weiter­komme. Ich fühlte mich behindert und unverstanden. Daher traf ich die Ent­scheidung, die deutsche Sprache zu ler­nen. Als ich mich das erste Mal mit meiner Sozialarbeiterin traf, fragte ich sie, wann ich zur Schule gehen dürfte. Sie sagte mir, ich dürfe zur Schule gehen, sobald ich eine Aufenthaltsbewilligung habe. Die Gemeinden erhalten vom Bund für Asyl­suchende im Verfahren kein Geld für Deutschkurse und lassen die Geflüchteten deshalb oft warten. Ich hatte keine Ah­nung, wann ich eine solche Bewilligung bekommen werde. Sollte ich solange schweigen, nichts verstehen?

Deutsch lernen

Mein Mitbewohner hat mich auf die Auto­nome Schule Zürich (ASZ) aufmerksam gemacht. Am Freitag, den 15. Januar 2016, besuchte ich meinen ersten Deutschkurs an der ASZ. Es gab viele Leute in der Klasse Pfeil A (Klassenbezeichnung für die Anfänger*innen, Anm. d. R.) und es war sehr laut, ein Kommen und Gehen. Ich hatte Zweifel, ob ich unter diesen Umständen Deutsch lernen könnte.

Die Gemeinden geben zwar kein Geld für Deutschkurse aus, wollen aber auch nicht, dass die Geflüchteten in den Asylheimen herumhängen. Darum schieben sie sie oft an die ASZ ab. Das kostet sie nichts, aber als Folge davon sind die Klassen in der ASZ voll.

Am 1. Mai 2016 war ich an einer Kund­gebung auf dem Helvetiaplatz. Dort hörte ich eine Rede zur Integration. Die Person, die neben mir sass, fragte mich, ob ich die Rede verstanden hätte. Ich sagte ihr, ich hätte alles ausser einem Wort verstanden: Integration. Für mich heisst Integration heute, an der Gesellschaft teilzuhaben und selber aktiv zu werden. Damit ich mich hier integrieren kann, müsste ich eine Arbeit finden. Jedoch schaffe ich dies nicht so schnell. Ich glaube, wenn man auswandert, benötigt man zwei Jah­re, um in einem fremden Land ein biss­chen anzukommen. Als erstes sollte man Sprachkenntnisse erwerben. Für mich ist die Sprache das wichtigste Werkzeug, damit ich mich nicht ständig mit Händen und Füssen verständlich machen muss.


Für mich ist die Sprache das wichtigste Werkzeug.


Freiwilligenarbeit

Da ich bis jetzt keine Aufenthaltsbewilli­gung habe, darf ich nicht arbeiten. So habe ich einen anderen Weg eingeschlagen, um trotzdem zu arbeiten. Ich ging zum Roten Kreuz, um mich als Mitarbeiter zu bewer­ben. Jetzt engagiere ich mich dort in der Kindergruppe. Die Kinder, mit denen ich arbeite, sind geflüchtete Kinder. Wir machen mit ihnen verschiedene Aktivi­täten. Einmal gingen wir in den Zoo. Das war nicht so mein Ding. Ständig wollte eines der Kinder auf das WC, manche hatten Angst vor dem Löwen, andere woll­ten zu den Bären. Ein Chaos. Lieber tanze oder zeichne ich mit ihnen. Manchmal machen wir mit den Kindern eine Sitzung und fragen sie nach ihrer Meinung. Es gibt auch ein paar Kinder, die uns gerne bei der Vorbereitung helfen.

Bevor ich beim Roten Kreuz gearbeitet habe, hatte ich bei einem Theater mitge­spielt. Das Theaterstück von Hölderlin war echt schwierig zu verstehen und auszusprechen. Mein Regisseur sagte, es sei eine riesige Herausforderung für ihn, mit geflüchteten Menschen zu spielen, da der Text extrem anspruchsvoll ist. Aber es hat mich motiviert.

Momentan leiste ich an der ASZ einige Einsätze im Caf6 und im Schulbüro. In der ASZ begegnet man sich auf der gleichen Augenhöhe. Ich konnte mit ganz unter­schiedlichen Leuten Kontakt knüpfen. Die Leute der ASZ sind sehr interessant und ich kann spannende Diskussion füh­ren. Die Personen, die hier Deutsch unter­richten, sind nicht Lehrer*innen, sondern Freund*innen.

Beziehungen und Freundschaften

Ich glaube, ich bin eine Person, die offen auf die Leute zugeht. So habe ich bald auch ausserhalb der ASZ Leute kennen­gelernt. Wir feiern zusammen, gehen etwas trinken oder fahren Schlitten. Einmal bin ich mit ein paar Freund*innen eine Woche in die Berge gefahren. An Weihnachten hat mich eine Familie zu sich eingeladen.

Es ist mir aber auch wichtig, mit meiner Familie in Kontakt zu bleiben. Sie lebt in Rojava, Syrien. Wenn ich mit meiner Fami­lie telefoniere, komme ich zur Ruhe, egal wie es mir geht. Ich vermisse sie, vor allem meinen kleinen Bruder. Mit meinen Eltern hatte ich ein freundschaftliches Verhält­nis. Als ich mit meinem Vater unterwegs war, wurden wir manchmal gefragt, wer von uns der Ältere ist. Dann lachte ich und sagte, er sei mein Vater.

Obschon ich offen bin und mich hier in der Schweiz wohl fühle, werden mir viele Steine in den Weg gelegt. Der grösste ist die immer noch nicht erhaltene Aufent­haltsbewilligung. Ohne Aufenthaltsbewil­ligung bekomme ich nicht so viel: keine Arbeit, keine Wohnung und damit keine Selbstständigkeit. Hätte ich keine Eigen­initiative ergriffen, weiss ich nicht, wo ich stünde. Diesen Text hätte ich mit Sicher­heit nicht schreiben können.

Dieser Text ist eine leicht abgeänderte Version eines Beitrags für die Zeitschrift Neue Wege (3/2017).

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