28. 08. 2015 Tewelde Tekle

Gefängnisse in Eritrea: so schlimm wie Sklaverei

Meine Botschaft an die Regierung und Bevölkerung der Schweiz, insbesondere an jene, die denken, die Situation in Eritrea habe sich verbessert, ist folgende: Ich möchte sie informieren, dass gerade jetzt Tausende von unschuldigen Eritreern stumm leiden, während ihre besten Jahre einfach so in Gefängnissen und Haftanstalten im ganzen Land zerrinnen.

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Karte der Geheimgefängnisse in Eritrea, Bild: Amnesty

Ich bin in einer Kleinstadt namens Segeneity in der südlichen Zone von Eritrea geboren und aufgewachsen und hatte die Möglichkeit, an der Universität in Asmara zu studieren. Dort erwarb ich einen Bachelor-Abschluss in Bildungs-verwaltungswissenschaften am 8. August 2006. Aber das Ende meines Studiums und meine Verhaftung folgten sich auf dem Fuss.

Kurz nach meinem Abschluss und während ich darauf wartete, einer Arbeitsstelle zugeteilt zu werden, besuchte ich meine Familie in Segeneity. Am 11. November 2006 kamen fünf Sicherheitsbeamte ohne Ankündigung zu meinem Haus und befahlen mir, in ein Auto einzusteigen. Ich fragte nach dem Grund und sie sagten mir, ich hätte einfach ihre Anweisungen zu befolgen. Sie zwangen mich, einzusteigen und legten mich sofort in enge Handschellen. Sie fuhren mit mir nach Laelay Alla, zu dem Ort, wo Militärverhöre stattfinden.

Folter, katastrophale Haftbedingungen, Zwangsarbeit

Als wir im Verhörzentrum ankamen, beschuldigten sie mich eines unbegründeten Verbrechens und begannen mich zu nötigen, meine Schuld zu bekennen. Ich beteuerte meine Unschuld, doch sie fesselten mich in einer sehr schmerzhaften Stellung und begannen mich zu schlagen, zu treten und zu verprügeln. Sie drehten mein Gesicht zur Sonne, um mich zu blenden. Obwohl es sehr heiss war, erlaubten sie mir nur eine sehr kleine Menge Wasser, und es war mir strikt verboten, mein Gesicht zu waschen. Daher schwoll mein ganzer Körper an, und ich hatte sehr starke Schmerzen und Beschwerden überall.

Ich dachte, ich würde dort sterben. Ich war völlig schockiert und desorientiert von dieser schrecklichen Erfahrung.

Nachdem ich acht Tage lang extremer physischer und psychologischer Folter ausgesetzt war, wurde ich in die Alla-Bazit-Haftanstalt transferiert. Die Haftanstalt ist von hohem Stacheldraht umzäunt und bewacht und hat etwa sieben Zellen. In jeder Zelle drängen sich mehr als 80 Gefangene. Es gibt nur sehr wenig Essen von schlechter Qualität, und die Gesundheitsversorgung ist fast inexistent. Weitere Missstände sind Nahrungsmangel, das Verbot von Familienbesuchen, Hautkrankheiten, harte und grausame Bestrafungen und Folter, das Verbot, Kleider oder Unterwäsche zu wechseln und Zwangsarbeit für das Militär.

Ich fand die Anstaltsmauern übersät von Bettwanzen und Läusen vor. Die Direktion kümmerte sich nicht um die Schädlinge. Für sie war dies nur ein weiteres Mittel um uns zu erniedrigen, zu beschämen und zu demoralisieren. Weiter waren wir täglich zu harter Zwangsarbeit verpflichtet, sowohl innerhalb wie auch ausserhalb der Haftanstalt, immer ohne Schuhe und mit einem fast leeren Magen. Unsere Füsse vergassen sogar, wie es sich anfühlt, Schuhe zu tragen. Ich würde sagen, die ganze Behandlung war so schlimm wie Sklaverei. Alle Wärter waren nicht rational, sondern emotional, die Eliten stützten sich auf militärische Erfahrung und nicht akademische Qualifikationen.

Fluchtversuche

Sehr oft sah man einige verzweifelte Häftlinge, die versuchten, aus der Anstalt zu fliehen. Leider wurden die meisten während ihres Fluchtversuchs erschossen oder absichtlich verwundet, mit wenigen Ausnahmen, oder sie wurden nicht weit entfernt wieder festgenommen. Jene, die während eines Fluchtversuchs gefasst wurden, litten dann unter extremer Folter und unmenschlichen Strafen, welche für Wochen oder sogar Monate andauerten. Sie wurden mit Stöcken und Knüppeln grausam geschlagen und getreten. Ihre Hände und Beine wurden eng zusammengebunden, worauf sie entweder auf dem Bauch oder der Sonne zugewandt für mehrere Tage liegen gelassen wurden. Das Ziel von solch extremen Strafen und Foltertechniken ist es, die anderen Gefangenen zu erschrecken, zu terrorisieren und sie von Fluchtideen abzuhalten. Viele Gefangene starben aufgrund dieser harschen und barbarischen Strafen und viele andere behielten physische und psychische Narben.

Eine ihrer seltsamen und unüblichen Methoden war es, die Familien derjenigen, die erfolgreich aus der Haftanstalt geflohen waren, entweder selber als Ersatz zu verhaften oder zur Zahlung von 50’000 Nakfa (die eritreische Währung) als Schadenersatz zu zwingen. Was hier passiert war und immer noch passiert, ist wirklich schlimm und sehr schwierig zu verstehen. Nach zwei Jahren in der Alla Bazit-Haftanstalt wurden ich und 78 andere Häftlinge in eine andere Anstalt namens Halhale verbracht. Diese andere Haftanstalt, in die sie uns brachten, war stark überbelegt – es gab keinen Platz für uns, um richtig zu sitzen oder zu schlafen. Wir trafen dort auf 200 andere Gefangene und sie drängten uns in eine sehr kleine Zelle. Die Verhältnisse innerhalb der Anstalt waren so schlimm wie in Alla Bazit.
Nach einigen Wochen in Halhale brachten sie mich und einige andere Gefangene in das Adi-Qala-Gefängnis, bekannt als eines der schlimmsten Gefängnisse im Land. Die meisten Häftlinge dort waren physisch und emotional ausgelaugt als Folge der fortwährenden Bestrafungen und der furchtbaren Behandlung.

Politische Verfolgung

Während meines Aufenthalts im Adi Qala- Gefängnis lernte ich etwa 500 Häftlinge kennen, mehr als die Hälfte davon von der Kunama-Ethnie. Der jüngste Häftling war ein Baby namens Abrehet (nur 17 Tage alt), welches mit seiner Mutter zusammen verhaftet wurde, und der Älteste war ein 85 Jahre alter Mann namens Abov Sahle Yilma, welcher später im Gefängnis starb wegen der fehlenden medizinischen Versorgung. Die meisten Mitglieder der Kunama- Ethnie wurden unter dem Vorwand verhaftet, das «Democratic Movement for the Liberation of Eritrean Kunama» (DMLK) zu unterstützen oder damit zu sympathisieren – eine Oppositionsbewegung zur Verteidigung der Rechte der Kunama-Ethnie. All die Gefangenen, die ich in den Haftanstalten vom November 2006 bis zum 6. August 2011 traf – Wir alle hatten eines gemeinsam: ...

... die Überzeugung, dass wir unschuldige Eritreer_innen sind, solange wir nicht formell angeklagt und vor Gericht gebracht werden.

Übersetzung aus dem Englischen von Michael Bimmler

Diktatur Eritrea Gefängnis

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