10. 05. 2017 A.

Ich werde ausgeschafft!

A. wird eines Morgens von der Polizei verhaftet. Ihm wird klar gemacht: Seine Ausschaffung steht bevor. Doch das Land, in das er unter Zwang zurückgebracht werden soll, macht der Schweizer Regierung einen Strich durch die Rechnung.

Bild: 2017-05/flughafengef.jpg

Das Dröhnen abhebender Flugzeuge hört A. im Ausschaffungsgefängnis jeden Tag.

Es schlägt gerade sechs Uhr, als an einem Morgen ein Polizeibeamter mit seinem Hund in den Bunker kommt, in dem ich schlafe. Er führt mich ab und bringt mich auf die Polizeistation, wo mir gesagt wird, dass ich die Schweiz bald verlassen muss – mit den Worten: «Wir bringen dich zurück nach Hause.» Nur weil ich als illegal markiert bin!

Ich verbringe also einen Monat in dem Gefängnis, das speziell für nicht dokumentierte Geflüchtete gebaut wurde. Dort versuchen sie, refugees in ihr «Zuhause» aus Misere und Repression zurückzuschicken. In der ersten Woche führe ich ein kurzes Gespräch mit der Botschaft, damit sie mir eine Erlaubnis geben, ins Flugzeug zu steigen (Anm. d. Red.: Verfügt eine Person über keine gültigen Reisedokumente, muss das Zielland ein sogenanntes Laissez-Passer ausstellen, sonst kann die Ausschaffung nicht zu Ende geführt werden). Ich unterschreibe das Blatt nicht, sondern sage, dass das nicht mein Land ist und ich nirgendwohin gehen will. «Vergesst das!» Sie bringen mich danach zurück ins Gefängnis, um mich weiter zu isolieren – nur weil ich diese Erlaubnis nicht unterschrieben habe.

Was danach geschieht, ist ein krasser Angriff auf meine Würde und auf meine Freiheit, hier zu bleiben und hier zu leben.

Meine Antwort: ein lautes Nein

Irgendwann öffnen sie die Zellentüre und sagen: «Es ist Zeit. Du hast gleich einen Flug, pack deine Sachen und lass uns gehen.» Ich fühle mich furchtbar, als sie mich mit Handschellen um die Gelenke in Richtung Flugzeug bugsieren, und soll vor allen anderen Passagieren einsteigen. Ich bin der erste, der kein Laissez-Passer von der Botschaft erhalten hat. Sie weisen mich an, mit dem Piloten zu sprechen. Mit jedem Schritt hämmert mein Herz. Ich gehe also zum Piloten hin, und er fragt mich, woher ich komme und ob ich mit ihm zurückgehen möchte. Meine Antwort ist ein lautes Nein.

Danach sitze ich allein im Flugzeug und warte darauf, dass irgendetwas dieses Verbrechen aufhält. Als der Pilot per Durchsage kommuniziert, dass es Zeit für den Abflug ist, gebe ich die Hoffnung auf, dass ich hierbleiben kann.

In der Luft denke ich über die Ankunft nach und darüber, wie sehr ich gelitten habe, bis ich europäisches Land erreicht habe. All die Energie, die ich auf meiner Suche nach Freiheit und Würde investiert habe: verloren. Mir kommt nur ein Gedanke: That’s it. Ich kehre wirklich zurück. Was kann ich denn mehr tun als den Seeweg zu riskieren, die Grenzen zu überschreiten, die mich daran hindern wollen, die Repression in meinem Land hinter mir zu lassen? Ich habe keinen anderen Weg gefunden, schon gar nicht den offiziellen, jenen mit Papieren.

Zurück zum Sitzplatz

Ich gebe in dem Moment auf, als das Flugzeug landet. Die anderen Reisenden packen ihre Sachen. Aus dem Fenster sehe ich ein Polizeiauto, das darauf wartet, bis alle ausgestiegen sind. Danach kommen zwei Polizeibeamte zu mir und sagen, dass wir angekommen seien. Ich antworte sofort: «Ich weiss, du Arschloch. Such dir einen richtigen Job.»

Als ich in Richtung Tür gehe, höre ich das Gespräch am Ende der Treppe mit. Dann kommt die grosse Überraschung: Der Beamte sagt mir, wir gehen zurück! Ich antworte: «WAS?! Ich kann also wieder zu meinem Sitzplatz zurück?» Er meint nur, ich solle den Mund halten, bis sein Partner die Diskussionen mit den Behörden abgeschlossen und herausgefunden hat, was sie mit mir tun sollen. Hätte ich ein offizielles Dokument, würde mein Land mich ohne Frage aufnehmen. Aber mein Fall ist eindeutig: Ich bin ein nicht dokumentierter refugee ohne amtliche Dokumente. So kommt der andere Beamte wieder die Treppe hoch und sagt, dass mein Land mich ohne die Dokumente nicht akzeptiert und wir zurück in die Schweiz fliegen.

Glücklich im Innern, wütend gegen aussen. Ich sage ihnen, dass ich ihnen bereits gesagt habe, dass dies nicht mein Land ist. Sie wissen das. Es gibt kein Abkommen zwischen der Regierung meines Landes und jenem der Schweiz. Trotzdem haben sie mit dem Einsatz von Gewalt meine Ausschaffung versucht. Das Misslingen der Aktion ist eine Faust in ihre Gesichter, und darüber bin ich froh.

Die Schweiz: das Land der Menschenrechte?

Zuletzt steige ich wieder ins Flugzeug und reise zurück in die Misere, ins Gefängnis in die Schweiz. Mir ist jetzt klar, dass nur wenige eine Ahnung davon haben, was nicht dokumentierten Geflüchteten im Gefängnis angetan wird. Mir ist gesagt worden, die Schweiz sei das Land der Menschenrechte, doch sie weisen Menschen ab, schicken sie zurück in die Diktatur, vor der sie geflohen sind. Wo sind die Rechte jener refugees, wenn sie sich weigern, sich dieser Repression zu beugen? Wie kann dieses Verbrechen gegen sie gestoppt werden? Wir müssen über viele solche Fragen sprechen. Für mich ist klar, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein wird, dass sie versuchen, mich auszuschaffen.

Ich befinde mich derzeit im selben Ausschaffungsgefängnis, bis sie ein weiteres Ticket für mich aufgetrieben haben - für meine nächste Reise...

Ich weiss nicht, ob sie das nächste Mal erfolgreich sind, doch vorerst bin ich in der Schweiz, und es gibt nichts, das ich tun könnte. Nichts ausser herumzusitzen und meine Gedanken über dieses rassistische Land niederzuschreiben.

Eine Nachricht von allen nicht dokumentierten refugees: Wir sind Gefangene ohne Grund, werden in die ganze Welt ausgeschafft, in «unsere Länder», wir werden geschlagen, getreten, haben unsere Würde und unsere Freiheit verloren. Wenn ihr aufgehört habt, diesen Text zu lesen, geht die Notunterkünfte und Bunker besuchen, in denen wir leben, um die Realität zu sehen - sie wird schlimmer sein, als sie ihr euch ausgemalt habt. Dieses System hat uns ins Unterirdische verbannt, jahrelang ohne einen legalen Status. Undokumentiert, das heisst: illegal, nicht akzeptiert. Sie sperren uns ein, versuchen uns auszuschaffen und unsere Träume und Hoffnungen zu zerstören, darauf in Freiheit hier in Europa zu leben (und nicht unbedingt in der Schweiz). Ich kenne jetzt die andere Seite der Menschenrechte.

Übersetzung: Badr Bodor und Rosa la Manishe

Asyl Flucht Migration Notunterkunft Polizeikontrollen Rassismus Schweiz Widerstand Flughafengefängnis Ausschaffung

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