19. 08. 2018 Badr Bodor

Sinking Dreams

Am 6. August 2015 sinkt vor der libyschen Küste ein Fischerboot mit rund 700 Migrant*innen an Bord. Das Boot reisst 350 Menschen in den Tod, obschon die Rettung greifbar ist. Ein Bericht aus nächster Nähe.
 

Bild: 2018-08/sinking-dreams.jpg

Illustration: Sinking Dreams, Itzíar Tesán

Wie wir wissen, gibt es für refugees zwei verschiedene Wege, «illegal» nach Europa zu gelangen: über die Türkei oder das libysche Meer. Meine Geschichte beginnt in Libyen. Dort habe ich viele Jahre vor der Revolution gegen Qaddafi gearbeitet. Nachdem radikale Muslim*innen die Revolution gestohlen hatten, wurde es schwierig für mich, als Atheist weiter in diesem Land zu leben. Daher entschied ich, vor dem Urteil und der Folter des IS und anderer radikaler Milizen zu flüchten.

Die ägyptisch-­libysche sowie die tunesisch­-libysche Grenze ohne Erlaubnis zu überqueren, war zu diesem Zeitpunkt sehr schwierig – besonders nachdem ich all meine Dokumente, inklusive meinen Pass, bei einem Angriff auf das Hotel, in dem ich als Küchenchef arbeitete, verloren hatte. Dennoch war für mich der einzige Weg, die Krise hinter mir zu lassen, jemanden zu suchen, der mich per Boot aus dem Land und nach Europa bringen kann. Das war schon früher mein Traum, den ich nur aufgrund der Visa­Bestimmungen und meiner finanziellen Situation in meinem Herkunftsland Marokko nie verfolgen konnte. Dieser Traum lebte aber in all der Zeit in mir weiter: Ich habe nach einem Ort gesucht, an dem ich frei denken und offen sagen kann, dass ich Atheist bin. Es dauerte aber noch ein Jahr, bis ich das Geld und den Transport für die Reise nach Europa organisiert und Schmuggler*innen gefunden hatte, die mich auf eines dieser Boote des Todes bringen. Dann war es endlich soweit.

4. August 2015, Morgen. Über sichere Kommunikationswege erhalte ich einen Plan für die Reise von Bengasi nach Zuwara in Libyen, wo sich die Schmuggler aufhalten. Einer von ihnen ist ein Polizist, der seinem Bruder in dessen Schmuggelaffären hilft. Er und einige andere fahren mich und meinen besten Freund zu einem alten Haus, wo wir auf besseres Wetter auf See warten. Sie nehmen mir als Erstes mein Geld ab – 1500 Euro. Der Polizist sagt uns, dass wir hier warten sollen, bis er den entscheidenden Anruf von seinem Bruder erhält. In einem kleinen Raum warten wir zwei Tage auf diesen Anruf. 

Der erste Tag ist wegen der heissen Temperaturen in dieser Stadt äusserst schwierig. Ich spreche mit meinem Freund über unsere Reise und den Mann, den wir getroffen haben. Ist er vertrauenswürdig? Wird er überhaupt zu uns zurückkehren? Was sollen wir auf uns tragen, ein Telefon, persönliche Sachen? Um ehrlich zu sein, haben wir beide Angst davor, was uns erwartet. Wir sagen uns immer wieder, dass die Hälfte der Reise mit der Ankunft in Zuwara geschafft sei, wir müssen nur auf den Anruf warten und in dieses Boot steigen. Das ist alles. 

Nach zwei Tagen ruft uns der Fahrer schliesslich an. «Los, wir müssen in einer Stunde an einem bestimmten Ort sein.» Wir packen unser geringes Hab und Gut zusammen, steigen mit verbundenen Augen in einen Wagen mit geschwärzten Gläsern, damit wir nicht sehen können, welchen Weg er fährt. In diesem Moment packt mich das schrecklichste Gefühl, das ich je in meinem Leben hatte. Ich glaube, dass wir getötet werden, so wie wir es aus Geschichten über Migrant*innen gehörten haben, die von den Milizen in Libyen ermordet wurden. Die meisten von ihnen kamen aus Nigeria, Kamerun, Mali …

Doch wir kommen lebend in einem Haus an, das die Schmuggler*innen «Versammlungshaus» nennen. Dorthin bringen sie fast alle refugees, die für ihre Reise nach Europa oder Italien bezahlt haben. Als wir ankommen, befinden sich dort bereits etwa 200 Personen unterschiedlichster Nationalitäten. Zwei Männer stehen draussen, zählen ihr Geld und bieten für 70 Euro Rettungswesten für die Reise an. Drinnen sitzen Familien mit ihren Kindern, viele junge Menschen, und niemand weiss, was als nächstes geschehen wird. Ich erkenne mindestens zehn verschiedene Sprachen aus Bangladesch, Palästina, Pakistan, Syrien, Marokko, Tunesien, Algerien, Kamerun, Eritrea, Sudan, Äthiopien … Verschiedene Träume und Probleme schwirren im Geflüster um uns herum. Vereint sind sie durch einen einzigen Gedanken – europäischer Boden als Destination für uns alle. Einige der Migrant*innen haben bereits versucht, mit diesen Schmuggler*innen nach Italien zu kommen, wie ich während des Wartens erfahre. Ich rede einige Minuten mit einem Mann aus Marokko, der mir von seiner letzten Reise ein Jahr zuvor von Bengasi aus erzählt. Die italienische Polizei fand seinen Pass, worauf sie ihn zurück nach Marokko ausschafften. Jetzt versucht er es nochmals – clean von jeglichen Dokumenten. Mein Freund sieht mich an und sagt: «Ich glaube, wir sind hier gut aufgehoben, dieser Mann hat es schon einmal gemacht. Mach dir nicht zu grosse Sorgen!»


Ich erkenne mindestens zehn Sprachen aus Bangladesch, Palästina, Pakistan, Syrien, Marokko, Tunesien, Algerien, Kamerun, Eritrea, Sudan, Äthiopien …  Verschiedene Träume und Probleme schwirren im Geflüster um uns herum. Vereint sind sie durch einen einzigen Gedanken – europäischer Boden als Destination für uns alle.


Wasser, Zigarette nach Zigarette – das ist alles, was im Moment zählt. Ich beobachte eine syrische Familie mit einem kleinen Kind, das in den Armen seiner Mutter liegt. Sie hat traurige Augen und versucht, ihrem Mädchen mit der Hand Luft zuzufächeln. «Wie lange noch, bis wir abreisen?» Das lese ich aus ihrem Blick. Dieses ganze Leid des kleinen Mädchens … Seine Eltern nehmen das Risiko auf sich, damit nicht nur sie selber eine bessere Zukunft haben, sondern auch ihr Kind. 

Niemand hat Hunger oder Appetit, wir warten nur auf die nächsten Schritte. Gegen 18 Uhr kommt die erste Gruppe mit 120 Migrant*innen in einem überfüllten Kühltransporter an. Um 20 Uhr die zweite, ebenfalls 120 Personen, in demselben Wagen, jedoch von einem anderen Haus. Um 21 Uhr folgt die dritte Gruppe: 200 Migrant*innen aus Bangladesch. Zwei Stunden darauf kommt die vierte Gruppe mit 80 Personen in einem anderen Wagen an. Um Mitternacht schliesslich die letzte Gruppe, 120 Personen.

Dann sind alle versammelt: 600 bis 700 Migrant*innen, die alle in einem Fischerboot für maximal 50 Personen reisen sollen. Das bemerken wir erst, als wir an Bord gehen. Erst einmal werden wir von bewaffneten Schmuggler*innen in Gruppen von 50 Personen aufgeteilt und nacheinander in ein kleines Schlauchboot gesetzt, das uns zum Boot bringen wird.

Ich bin zusammen mit meinem Freund in der vierten Gruppe. Als ich auf ihn warte, sehe ich neue Gesichter auftauchen und wieder verschwinden. Sie haben Waffen, Geldbeutel und Kisten, deren Inhalt ich nicht sehen kann, in ihren Händen. Einer der Schmuggler spricht mit dem Kapitän und fordert ihn auf, die Lichter zu bestimmten Zeiten zu löschen oder die Seite zu wechseln, um der libyschen und italienischen Küstenwache auszuweichen. Andere Schmuggler*innen fragen nach übrig gebliebenen libyschen Dinaren oder nach Privatbesitz wie Handys, schweren Taschen, Schmuck … Es dauert zwei Stunden, bis meine Gruppe an Bord des Schlauchbootes geht. Mein Freund sagt zufrieden: «Es geht los!» Zwei Schmuggler hinter uns schlagen mit Kalaschnikows auf jene ein, die zu langsam gehen. 

Die Familien nehmen ein anderes Boot für zehn Personen; wenigstens für sie ist an Bord des Fischerboots genug Platz reserviert, damit die Reise für Frauen und Kinder sicherer ist. Eine der Familien kommt aus Palästina, zwei weitere aus Syrien und eine aus Tschad oder Somalia, ich bin mir nicht mehr sicher. Sie erhalten einen Platz im hinteren Teil des Boots, nahe dem Motor, zusammen mit einigen Migrant*innen aus Marokko und Algerien. Ich bin in ihrer Nähe, eingeklemmt zwischen hundert anderen Menschen. Hinter mir sind sicher nochmals 150 bis 200 Personen an Deck – und nochmals hundert ganz oben. Die ersten Migrant*innen, die an Bord gegangen sind, etwa 200 junge Männer aus Bangladesch, wurden unter Deck platziert, wo sie in einem grossen dunklen Raum in der Hocke verweilen müssen und in ihrer Sprache miteinander flüstern. Wir sind schockiert über den Zustand des Bootes. Unabhängig davon, wie viele Menschen dort drin sind: Es ist zu alt, zu klein und bereits beschädigt …

Die Träume von 700 Migrant*innen, die ans andere Ende der See wollen, sind am 6. August 2015 um drei Uhr in der Früh an Bord. Wir beginnen unsere Reise, um Freiheit, Frieden und Sicherheit für das zu finden, was von unseren Leben übrig geblieben ist. Ich sitze neben meinem Freund, vor uns tut sich das schönste Bild auf: der Mond, der rot und orange aus dem Meer auftaucht. Die Farbe der Zukunft in der 
Finsternis der Nacht. Er stellt die Hoffnung dar, die wir in unser Ziel Europa stecken. Das Boot kommt langsam voran, und wie ich feststelle, hat es ein Loch im Boden, durch das Wasser in den Maschinenraum dringt. Wir sehen, dass einer der Migranten sich deshalb Sorgen macht und einen Schmuggler ruft, um ihn auf das Problem aufmerksam zu machen. 


Wer sich bewegt, wird sofort erschossen!


Der Schmuggler kommt maskiert und mit einer Waffe in der Hand auf uns zu und fragt: «Was wollt ihr?». Wir antworten: «Schau nach unten, Wasser dringt ins Boot!», worauf er erwidert: «Wir kommen bald an. Es ist okay, macht euch keine Sorgen!», nur um zu ergänzen, dass wir an unseren Plätzen bleiben und uns nicht bewegen sollen. Dabei kann sich gar niemand bewegen, weil wir so eng aufeinander sitzen; auch ich habe vergeblich gehofft, meine Beine ausstrecken zu können. Einige Mitreisende versuchen zu schlafen, andere wollen unbedingt wach bleiben für den Fall, dass an Bord etwas Unerwartetes geschieht. Doch Schlaf findet in dieser Nacht sowieso niemand: Sobald jemand einschläft, wecken andere sie oder ihn auf, weil ihr oder sein Körper umkippt.

Wir glauben, dass wir unserem Ziel mit jeder Minute näher kommen und versuchen, Hunger und Durst zu vergessen. Die meisten Migrant*innen haben ihre Vorräte aufgebraucht, bevor sie an Bord gingen, weil es an der libyschen Küste so heiss war. Doch wir wollen es durchstehen, bis wir zur friedlichen Küste Italiens gelangen.

Unsere Reise über das Mittelmeer dauert zwölf Stunden. Wir sind müde und erschöpft von der Hitze und den Strapazen des Tages. Mit jeder Stunde, in der die Sonne weiter in den Himmel steigt, büssen wir an Kraft ein, um uns auf unseren Weg konzentrieren zu können. Selbst die Schmuggler lassen uns von ihrer Anspannung wissen: «Wir haben dieses Boot in Tunesien abgeholt und drei Tage lang nicht geschlafen. Macht uns nicht wütend, wir sind gestresst genug. Wer sich bewegt, wird sofort erschossen!» Das ist die erste Warnung. Ich denke darüber nach, was es mit Menschen macht, wenn sie nicht genug schlafen. Drei Tage ohne Schlaf sind definitiv zu viel. Ich höre den Schmugglern weiter zu, wie sie über den Typen sprechen, der ihnen das Boot verkauft hat. Sie sagen, dass er sein Geld schnell brauchen wird, sobald sie ihre Reise nach Italien abgeschlossen haben – sonst würden sie künftig keine Boote mehr von ihm erhalten. Es scheint, als hätten sie bereits Pläne für kommende Migrant*innen.

Wir fahren weiter und durch das Loch im Boden dringt mehr und mehr Wasser ins Boot. Ich sehe, wie die Pumpe des Motors wegen des hohen Wasserpegels den Geist aufgibt. Diese Pumpe hätte dem Wasserproblem entgegenwirken können, doch der Schmuggler sagt wieder nur: «Es ist okay.» Dann bleibt er bei uns stehen, richtet seine vom Schlafmangel geröteten Augen auf uns. Ich sehe jemanden aus der Kabine auf ihn zukommen. Er sieht das Wasser und schreit ihn an: «Was zur Hölle geht hier vor? Das ist nicht gut, das ist nicht gut!» Ich realisiere, dass der Schmuggler, mit dem wir gesprochen haben, unsere Nachricht nicht an den Kapitän weitergeleitet hat. Dieser trommelt sofort einige Freiwillige zusammen, die das Wasser aus dem Boot schöpfen. Er bringt einen Eimer und drückt ihn einem jungen Syrer in die Hände, der sich als erster dazu bereit erklärt hat. Später, am Ende der Reise, wird dieser Mann ertrinken, weil er im Maschinenraum gefangen ist. Er ist ein Held für uns.


Stell dir ein Boot vor, das für 50 Leute gemacht und mit  650 Menschen gefüllt ist.


Es ist neun Uhr morgens, als er beginnt, das Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Wir alle wären in diesem Moment gern an seiner Stelle, nur um unsere Körper bewegen und das Blut zirkulieren lassen zu können, nachdem wir sechs Stunden in der Hocke verharrt haben. Doch wir warten, bis er müde wird und seine Mission an jemanden weitergibt. Ein Freund aus Marokko ersetzt ihn nach etwa einer Stunde. Dann überlegen wir, ob wir eine Menschenkette bilden sollen, um so schnell wie möglich zu sein. In dieser Zeit verflucht der Kapitän den Schmuggler, der ihn nicht informiert hat, und versucht erfolglos, die Pumpe zu reparieren.

Nach drei Stunden sieht die Situation nur schlechter aus. Wir kommen immer langsamer voran, der alte Benzinmotor gibt allmählich auf. Immerhin haben wir inzwischen die libysche Seegrenze hinter uns gelassen. Der Kapitän nimmt ein Thuraya­Telefon zur Hand, mit dem er über Satellit von überall kommunizieren kann. Ich sehe, wie er wieder und wieder versucht, einen Anruf zu tätigen. Alle hoffen, dass jemand in Italien seine Anrufe entgegennimmt, doch lange hat er kein Glück – bis wir ihn irgendwann ins Telefon sprechen hören. Er gibt unsere Koordinaten durch, die er an einem kleinen GPS abliest. In dem nur zweiminütigen Gespräch gibt er die Richtung an, damit uns jemand aus der Mitte der See retten kann. Dann ruft er in die Runde: «Alles wird gut! Ein Schiff der irischen Marine ist nur eine Stunde von uns entfernt, und es wird alle nach Italien bringen. Also bleibt ruhig, bis es bei uns ist. Bleibt auf jeden Fall auf euren Plätzen.»

«Ahhh …!» Das ist die beste Nachricht der gesamten Reise für die meisten Migrant*innen an Bord. Dennoch haben wir noch immer dieses Leck im Boot, das uns alle den Tod bringen könnte. Die Leute sind extrem erschöpft und durstig nach Wasser und Freiheit. Ein Mann aus dem Senegal spricht auf Französisch den Schmuggler an, der uns in Schach hält, und fragt ihn, ob er helfen könnte, das Wasser zu schöpfen, bis das Kriegsschiff bei uns ist. Eigentlich kann er einfach nicht länger an seinem Platz bleiben. Der Schmuggler richtet seine Pistole auf ihn und schreit ihn an: «Runter, oder ich erschiesse dich!» Es ist zu spät für den Senegalesen, sich wieder hinzusetzen, weil der Raum zwischen den Leuten zu eng ist und sein Platz sofort von Nachbar*innen eingenommen wird. Also antwortet er: «Okay, kein Problem… Aber ich kann mich nicht setzen. Ich kann mich nicht setzen.» Das sagt er immer und wieder. Stell dir ein Boot vor, das für 50 Leute gemacht und mit 650 Menschen gefüllt ist! Er hat keine Chance, sich wieder zwischen uns zu zwängen. Der Schmuggler wird immer wütender, geht mit einem Schraubenzieher auf den refugee zu und setzt zum Schlag an, um ihn in seinen Kopf zu rammen. 


Der Schmuggler wird immer wütender, geht mit einem Schraubenzieher auf den refugee zu und setzt zum Schlag an.


Der refugee schützt seinen Kopf mit der Hand, damit sich der Schraubenzieher nicht in sein Gehirn bohrt. Ich sehe mit eigenen Augen, wie der Schraubenzieher die Hand unseres senegalesischen Freundes durchdringt und Blut wie eine Fontäne aus seiner Hand spritzt. Konfrontiert mit dem Verhalten des Schmugglers werden wir wütend. Der Senegalese wiederum wird so wütend, dass er den Schmuggler zusammenschlagen will. Nur die Waffe in dessen Hand hindert ihn daran. Ich ziehe mein T­Shirt aus und spreche ihn auf Französisch an: «Nimm das, um deine Wunde zu verbinden. Sprich nicht mit dem Schmuggler, er ist verrückt und gestresst.

Er könnte dich wirklich erschiessen!» Mein Freund sowie andere Migrant*innen reden ebenfalls auf ihn ein, doch er blickt weiterhin zornig in die Augen des Schmugglers. Ich denke, in diesem Moment steht er wegen der Verletzung an seiner Hand und all dem Blut unter Schock. Das Beste, was dem Schmuggler einfällt, ist uns zu sagen: «Das ist eine Lektion für euch alle. Bewegt euch, und ich erschiesse euch!» Wir schaffen einen (eigentlich unmöglichen) Raum zwischen ihm und dem senegalesischen Mann, um einen Mord an Bord mitten im Nirgendwo zu verhindern. 

Der Kapitän und alle anderen sind mit dem Wasser beschäftigt. Nach einer Dreiviertelstunde klingelt wieder das Handy: Das irische Marineschiff wird uns an die italienische Küste bringen. Der Kapitän sagt uns, dass das Schiff bald da sein wird. Das Wichtigste sei jetzt, Ruhe zu bewahren und sich nicht zu bewegen, bis alle eine Rettungsweste haben. Wir sind aufgeregt ob dieser Neuigkeit – endlich werden wir gerettet! Viele beginnen, zu Gott zu beten. Die meisten sind Christ*innen und Muslim*innen. Ich bete zu diesem Zeitpunkt zu meiner Freiheit, weil kein Gott seine Anhänger*innen so leiden lassen kann, und auch weil ich den Ausgang der Geschichte noch nicht kenne, bis wir auf diesem wunderbaren Kriegsschiff sind. Mein Retter ist dieses Schiff, nicht Gott.

Gefühle des Glücks und der Angst vor dem Loch im Rumpf, durch das nach wie vor Wasser dringt, mischen sich. Dann macht das Boot plötzlich keinen Wank mehr; der Kapitän hat den Motor ausgeschaltet, nachdem er weit, weit weg das irische Schiff erkannt hat. Dann geschieht die Katastrophe. Als die Leute begreifen, dass das Schiff auf uns zukommt, beginnen sie sich zu bewegen. Einige von ihnen wollen sich umsehen und sicher gehen, dass es wirklich da ist. Wenn wir das Gewicht von 700 Migrant*innen, ihre Gefühle der Aufregung und das Loch im Boot berücksichtigen – diese Faktoren reichen aus, um inmitten des Mittelmeers die grösste Katastrophe auszulösen.

Zuerst sehen wir, wie das Kriegsschiff auf uns zukommt, und wie ein kleineres Boot mit einer Besatzung von Soldaten zu Wasser gelassen wird und in unsere Richtung steuert. Ich spüre das Wasser bereits an meinen Füssen, als alle aufstehen und Panik ausbricht. Von den 200 Migrant*innen, die unter Deck sind, wissen wir nichts. Jene 300 an der Oberfläche beginnen, sich um die Stabilität und das Gleichgewicht des Bootes zu sorgen. Menschen hinter mir beginnen zu schreien, als das Wasser auf ihrer Seite einen kritischen Pegel erreicht. Der Schmuggler und der Kapitän schreien nur immer wieder: «Setzt euch hin, setzt euch hin!», doch es ist offensichtlich, dass das Boot voller Wasser ist und sich niemand mehr setzen würde, und dass in der Bestürzung und bei all den Schreien niemand mehr klar denken kann. Das Boot sinkt langsam, und das Rettungsteam des irischen Marineschiffs ist noch weit weg von uns, vielleicht zwei Minuten Fahrzeit. Ich sehe durch den Nebel des Meeres, wie sie so schnell wie möglich auf uns zukommen. Doch es ist zu spät.

Als das Wasser die Füsse einiger refugees berührt, beginnen sie, sich auf eine Seite des Bootes durchzuschlagen, etwa hundert Menschen, von denen ich glaube, dass sie aus Bangladesch kommen. Ich erinnere mich, wie sie sich alle zur selben Zeit auf die gleiche Bootsseite zubewegen, um zu sehen, wie nahe die Rettung ist. Dann kippt das Boot auf die linke Seite, und ich sehe, wie andere Migrant*innen sofort zur rechten Seite hechten, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Es ist aber schon zu viel Wasser an Deck, und durch das Kippen des Bootes dringt nur mehr Wasser hinein. Fünf Sekunden Ungeduld, Angst und Panik lassen uns inmitten des Meeres kentern.

Der Schmuggler ruft aus: «Scheisse, wir werden alle ertrinken!» und springt als erster von Bord. Die Migrant*innen nahe an den Seiten des Bootes folgen ihm kurz darauf. Für die vielen anderen ist die Zeit jedoch zu knapp, um dem eigenen Ertrinken und diesem katastrophalen Moment zu entkommen. Bis heute kann ich nicht aufhören zu weinen, wenn ich mich an diesen Moment erinnere, selbst jetzt, als ich diese Zeilen niederschreibe. Familien, junge Menschen, Kinder ertrinken, werden getötet durch den Geiz einiger Schmuggler*innen.


Das Gewicht meiner Mitmenschen zieht mich unter Wasser.


Das Boot kippt weiter auf die linke Seite, bis der Rumpf ganz an der Wasseroberfläche ist. Ich befinde mich in der Mitte, mein Freund ist in meiner Nähe, und wir stecken zwischen anderen Migrant*innen fest, sodass wir nicht ins Wasser springen können. Das Gewicht meiner Mitmenschen zieht mich unter Wasser. Ich versuche, etwas zu greifen, das mich zurück an die Wasseroberfläche bringt, doch die Schwerkraft des Bootes zieht mich weiter unter Wasser. Ich greife nach der Hand meines Freundes, um ihn vor dem Untergang zu retten, doch das Gewicht der Menschen über ihm ist zu gross. Unter Wasser sehe ich, wie er langsam mit anderen Migrant*innen ertrinkt. Als ich verstehe, dass es für ihn keine Chance mehr gibt, schwimme ich nach oben, widerstehe der Schwerkraft und schaffe es an die Oberfläche. Unter Schock spüre ich als erstes den Geschmack von Benzin in meinem Magen. Das Öl des gesunkenen Boots schwimmt auf der Wasseroberfläche. Es wird an diesem Tag zu einem der grössten Verursacher des Todes. Ich kann zuerst nichts sehen, weil es in meinen Augen brennt. Nach einigen Sekunden an der Oberfläche erblicke ich das grauenerregendste Bild meines gesamten Lebens. Hunderte Migrant*innen schreien und ersticken wegen des Benzins an der Oberfläche des Wassers. 

All das geschieht in nur dreissig Sekunden. Das Rettungsboot kommt an, als die meisten von uns bereits auf dem Meeresgrund liegen. Andere kämpfen weiter, um so lange wie möglich an der Wasseroberfläche zu bleiben. Ich sehe, wie ein Migrant einen anderen unter Wasser zieht, weil er nicht schwimmen kann. Tod folgt auf Tod. Jemand schwimmt auch auf mich zu, doch ich kann ihm nicht helfen, wir würden zusammen untergehen. Er versucht, sich an mir festzuklammern, doch ich entkomme ihm durch einen Schlag ins Gesicht. Er erwischt schliesslich jemand anderen, und ich sehe, wie beide sterben. Welch eine grauenvolle Erinnerung.

Ich suche nach einem Stück Holz oder Ähnlichem, das an der Oberfläche schwimmt. In einiger Entfernung hält sich ein Mann aus Marokko an einer Tür des Bootes fest. Durch tote Körper schwimme ich auf ihn zu. Zusammen versuchen wir, so viele Menschen wie möglich zu retten, am Schluss sind es zehn, die durch diese Tür gerettet werden. Zwei Minuten später beginnt das Rettungsteam, Frauen und Kinder aus dem Wasser zu bergen. 

Wer schwimmen kann, muss warten, bis die Crew jene gerettet haben, die nicht schwimmen können. Es dauert eine Stunde, bis sie zu uns und zur uns haltenden Tür gelangen. Einige von uns sind bis dahin so müde geworden, dass sie aufgegeben haben und gestorben sind. Derweil ist bereits ein anderes Schiff angekommen, um die Rettung zu unterstützen. Aber die Rettung von wem?! Fast die Hälfte der Migrant*innen ist gestorben, 200 bereits im Boot, weitere 100 wegen des Benzins oder der Erschöpfung. Insgesamt sind 350 Menschen Opfer dieser Tragödie geworden. Später werde ich die geretteten Migrant*innen an Bord des Kriegsschiffes wiedersehen und feststellen, dass wir nur etwa 300 Überlebende sind.

Bevor ich mit fünf anderen, die sich noch am Holz festklammern, gerettet werde, kommt das Team auf uns zu und fragt, ob wir okay seien. Wir antworten: «Ja, aber wir sind alle so schwach, wir haben keine Kraft mehr!» Sie geben zurück: «Haltet durch. Wir bringen euch bald auf ein Schlauchboot.» Dieses kommt nach etwa einer Stunde, wir sind die letzten, die gerettet werden. Wir klettern hektisch an Bord, erst dann kann ich zu mir sagen: «Hab keine Angst mehr, Badr, atme tief durch.» 

Vom Schlauchboot aus suche ich nach etwas Trinkbarem und entdecke ein einjähriges Mädchen, das tot im Wasser treibt. Ich nehme sie in meine Arme und weine für sie und ihre Familie aus Syrien. Ich habe sie kennengelernt, bevor wir in Libyen aufgebrochen sind. Auch ihr Vater starb in der See. Ich weiss nicht, wie ich meine Gefühle in diesem Moment ausdrücken könnte, doch ich bin wütend auf die Familie. Wie konnten sie ein kleines Kind auf diese tödliche Reise durch das Meer bringen? Sie zu beschuldigen wird das Kind nicht ins Leben zurückbringen. Es war die Diktatur in Syrien, die sie dazu zwang, diese lebensgefährliche Reise nach Europa auf sich zu nehmen. Dieses Bild verfolgt mich bis heute in meinen Träumen. Ich nehme Medikamente, die mein Psychiater mir verschrieben hat, damit ich nicht jede Nacht von diesen Träumen aufwache, doch normal schlafen kann ich seither nicht mehr.


«Ist das dein Kind?» Ich antworte: «Nein, ich habe sie tot gefunden», und er murmelt: «Gott, habe  Gnade mit ihr.»


Um die Geschichte fortzusetzen: Das Rettungsschiff kommt also gemeinsam mit einem zweiten Schiff, das einen Helikopter an Bord hat. Dieser Helikopter schwebt im Moment unseres Ertrinkens über uns, ich vermute, es ist die italienische Küstenwache. Darin sitzen zwei Personen mit Kameras, um die Szene mit dem Chaos aus Leichen, Dingen, Taschen, Geld, Kleidern, Schuhen festzuhalten, die im Wasser treiben … Träume sinken an diesem Tag auf den Meeresgrund, Leben und die Hoffnung, es ans europäische Ufer zu schaffen. Jene Migrant*innen, welche die Tragödie überlebt haben, können nicht glauben, was geschehen ist, bis sie an Bord des Kriegsschiffes sind. Nach fünfzehn Minuten im Schlauchboot nimmt das Rettungsteam uns zum grossen Schiff. Sie haben einen Arabisch­Übersetzer dabei, der uns fragt: «Sprecht ihr Arabisch?» Wir rufen: «Ja!», dann fragt er mich persönlich: «Ist das dein Kind?» Ich antworte: «Nein, ich habe sie tot gefunden», und er murmelt: «Gott, habe Gnade mit ihr.» Dann erklärt er uns Schritt für Schritt, wie wir an Bord des grossen Schiffes gelangen. Wir steigen in ein weiteres Rettungsboot um, und um 14 Uhr stehen wir endlich an Bord des Marineschiffs.

Mein öl- und salzbedeckter Körper brennt von der Sonne und der Hitze. Das Rettungsteam versorgt uns alle paar Minuten mit Wasser. Die Menschen an Bord stehen immer noch unter Schock und haben überall Verletzungen. Ich nähere mich einem Soldaten der Crew und frage nach den Leichen im Innern des Schiffs, doch er will mich nicht hineinlassen. Ich habe gehofft, wenigstens den Körper meines Freundes wiederzusehen. Schliesslich sagt er mir, dass ich ihn suchen könne, sobald wir in Sizilien angekommen sind. Ich glaube nicht, dass er sich dort drin befindet, aber ich will unbedingt nachschauen, ob er unter den geborgenen Toten ist – oder vielleicht sogar noch lebt … 

Dann gehe ich auf andere Überlebende zu, spreche mit ihnen und versuche, etwas Ruhe zu erhalten nach alldem, was wir durchgestanden haben. Wasser ist das einzige, was wir in den nächsten Stunden erhalten. Eine Pflegerin arbeitet an den akuten Fällen, allen voran der senegalesische Mann, dessen Hand vom Schraubenzieher verletzt wurde. Auf die Frage, was geschehen sei, zeigt er sofort auf den Schmuggler, der sich auch an Bord befindet. Ich drehe mich um, um zu sehen, auf wen er zeigt – die Schmuggler, dieser Abschaum, verstecken sich zwischen den Migrant*innen! Sie haben alle überlebt. Vier Soldaten der Crew kommen auf uns zu, und wir beginnen sofort zu erklären: «Das sind die Schurken. Sie haben uns umgebracht!» Die Crew verhaftet sie auf der Stelle und fragt uns, ob noch mehr Schmuggler*innen hier seien, worauf wir verneinen. Sie bringen sie ins Innere des Schiffs. Danach sehen wir sie nicht wieder, bis sie schliesslich in Sizilien das Schiff als erste verlassen, begleitet von italienischen Polizist*innen.

Die Reise geht an Bord des Kriegsschiffes weiter. Es dauert zwei Tage, bis wir auf der italienischen Insel ankommen. Das Schiff steuerte eigentlich die italienische Küste an, musste aber wegen des anderen Schiffes, das uns zu Hilfe kam, für einige Stunden halten. Dieses hatte ebenfalls 50 gerettete Migrant*innen an Bord, und es wurde entschieden, alle auf dasselbe Schiff zu bringen. Zuletzt sind wir etwa 350 von insgesamt 700 Migrant*innen, die das Desaster überlebt haben.

Die Menschen an Bord haben verweinte Augen und gebrochene Herzen. Wir sind alle schwach und traurig, und egal wen wir fragen, wie es ihm oder ihr geht, die Antwort lautet immer: «Ich habe meinen Freund verloren.» – «Ich habe meine Frau verloren.» – «Ich habe meine Kinder verloren.» Wer wie ich alleine unterwegs ist, liegt untätig herum, trotz Benzin und Salz auf unserer Haut, da wir es mangels Wasser an Bord nicht abwaschen können. Wir erhalten kleine Tassen mit ungesalzener Pasta. Wir sind hungrig nach allem, doch die Crew sagt uns, dass sie nicht genug Vorräte an Bord haben und wir warten müssen, bis wir Italien erreichen. Zwei Tage auf See – manche*r hat das Gefühl zu verhungern. Wir können uns nicht mehr rühren, weil uns die Energie fehlt, sei es um die Toilette aufzusuchen oder einfach ein paar Schritte zu gehen. Wir sitzen und warten, bis wir die Insel der Träume erreichen. Sizilien ist alles, woran wir denken.

Dort kommen wir irgendwann an, es werden Fotos von uns gemacht, Personalien aufgenommen. Wir erhalten Sandwiches mit Butter und Konfitüre und Wasser in Plastikbeuteln. Die nächste Destination: Mailand, 24 Stunden mit dem Bus von Sizilien entfernt. Dort werden wir ins Camp des Roten Kreuzes gebracht, nur damit uns erklärt wird, dass wir bleiben oder aber irgendwohin gehen können, wohin wir wollen. Ich habe bereits geplant, nach Schweden zu reisen, werde aber in Chiasso an der italienisch­schweizerischen Grenze abgefangen. Hier nehmen die Behörden meine Fingerabdrücke, weshalb ich nun in der Schweiz feststecke. Ich ersuche hier Asyl, als Atheist, der von der religiösen Unterdrückung in seinem Land Marokko geflüchtet ist. Das ist nun fast zwei Jahre her – inzwischen gelte ich als «illegal».

In Erinnerung an die Tragödie des 6. August 2015. Wir sind alle Migrant*innen … Eure Träume bleiben in meinem Herzen. Ich werde euch nie vergessen.

Übersetzung aus dem Englischen: Rosa la Manishe
 


Anmerkungen der Übersetzerin:

Abweichungen vom englischen Originaltext sind mit dem Autor abgesprochen. 

Der Autor lehnt Kategorisierungen nach Nationalitäten, wie sie in diesem Text erscheinen, entschieden ab. An dieser Stelle hält er sie nach bestem Wissen fest, in der Hoffnung, dass Angehörige der am 6. August 2015 Getöteten sich vorstellen können, was mit ihren Verwandten, Freund*innen und Geliebten geschehen ist.

Badr Bodor wurde am 4. August 2017 gewaltsam von den Schweizer Behörden nach Marokko ausgeschafft. Er sagt heute, dass diese Ausschaffung für ihn viel schlimmer war als die hier beschriebene Reise, weil sie seine Fluchtmotive und die erlebte Gewalt und Todesgefahr auf dem Mittelmeer für nichtig erklärt hat. Über diese Ausschaffung hat er ebenfalls einen Text geschrieben («Chronik einer Ausschaffung»), der unter www.papierlosezeitung.ch zu lesen ist.

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