13. 04. 2019

Tzara geht zur Schule

Ein musikalisches Kunstprojekt hinterfragt die Bedeutung von Integration. Am 5. Mai ist es an der Autonomen Schule in Zürich zu erleben.

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TZARA GEHT ZUR SCHULE ist ein Musik- und Kunstprojekt an der Autonomen Schule Zürich. Es wurde vom Künstlerkollektiv o!sland gestartet (der Komponist Benjamin Ryser und die Medienkünstlerin Dorothy Wong Ka Chung). o!sland hat vier Musiker*innen des ENSEMBLE TZARA eingeladen. Mit Hilfe von vier Aktivisten / Schülerinnen der ASZ sollen sie sich in die Autonome Schule Zürich integrieren. Dieses Projekt hinterfragt die Bedeutung von Integration in der Schweiz. Es wird im Mai 2019 als Konzertausstellung an der Autonomen Schule Zürich, der Autonomen Schule Biel und der Schule Integra - Bildung für Alle in St. Gallen zu sehen sein.

Alle sind zur Konzertausstellung eingeladen! Der Eintritt ist gratis.

Was bedeutet Integration in diesem Projekt?

In dem Projekt arbeiten vier Aktivisten und Schülerinnen der Autonomen Schule Zürich mit vier Musiker*innen des Ensemble Tzara zusammen. Unser Ziel ist es nicht, Menschen aus der ASZ in ein Kunstprojekt zu integrieren. Im Gegenteil, die Musiker*innen des Ensembles Tzara sollen in die Schule integriert werden. Das sollte uns die Gelegenheit geben, Integration aus einer anderen Perspektive zu sehen und zu hören.

Es wird eine künstlerische Integrationsforschung betrieben: Was sind die Bilder und Klänge von Integration? Was bedeutet es, sich in die ASZ zu integrieren? Wie finden Menschen ein Zuhause und ein Gefühl der Zugehörigkeit an einem Ort / einer Person / Institution? Wie kann Kunst auf eine Weise in eine Gemeinschaft integriert werden, die für alle Beteiligten sinnvoll ist?

Was machen die Musiker*innen, Künstler*innen und die Teilnehmer*innen der ASZ in diesem Projekt?

Alle Teilnehmer*innen entwickeln den Inhalt des Konzerts gemeinsam. Dabei sollen sich alle zu gleichen Teilen einbringen können, in einem Austausch auf Augenhöhe. Ausgangspunkt ist eine Reihe von zehn Workshops. Im Zentrum der Workshops steht die Praxis des gegenseitigen Zuhörens. Jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin leitet einmal einen Workshop. Der künstlerische Ausdruck (Bilder und Klänge) wird zur Plattform, um einander zuzuhören und sich gegenseitig zu verstehen.

Danach findet Anfang Mai 2019 eine Arbeitswoche statt. Alle Teilnehmenden wohnen zusammen im selben Haus und bereiten die Konzertausstellung vor. Neben ihrer gemeinsamen Arbeit teilen sie auch den Alltag. Durch Klänge und Bilder werden Fragen gestellt, die in Musik, Texten und Bildern ihren Ausdruck finden (Collage, Fotografie, bewegte Bilder).

Wie kann ich dieses Projekt besuchen?

Das Resultat des Projekts ist eine Konzertausstellung, das sich mit Integrationskritik und mit Zuhören in der Gesellschaft beschäftigt. Sie wird am 5. Mai an der Autonomen Schule Zürich von 16 bis 20 Uhr gezeigt. Jede und jeder ist herzlich eingeladen! Der Eintritt ist frei.

Texte der Teilnehmer*innen des Workshops


Simone Keller

Seit ein paar Wochen besuchen vier Musikerinnen und Musiker des Ensemble TZARA die Autonome Schule in Zürich und arbeiten dort mit vier Schülerinnen und Schülern bzw. Lehrern der Autonomen Schule. Uns verbindet das Ziel, im Mai ein öffentliches Konzert miteinander zu spielen und uns gemeinsam auf die Suche zu begeben, was denn der Inhalt so einer Aufführung sein könnte. Was interessiert uns und was könnte für unser Publikum interessant sein? Doch erstmal lernen wir uns kennen, erzählen einander viel und hören einander zu. Wir kommen alle aus ganz unterschiedlichen Kulturen und sind geprägt von teils dramatischen biographischen Erlebnissen. Die Sprache hilft ein wenig, Dinge zu benennen und zu verstehen, aber oft ist es auch unmittelbarer, einfach gemeinsam etwas zu tun. Zum Beispiel haben wir von Amine ein Kartenspiel aus Guinea gelernt, was sich wie ein politisches Machtspiel anfühlt. Oder Dorothy zeigt uns eine Methode, Portraits von einander zu malen, bei der wir uns zum ersten Mal ausführlich in die Augen schauen und versuchen, auch ein wenig hinter die Fassade des Gegenübers zu blicken. Habibe kocht für uns alle Türkisch und schliesslich sitzen wir alle an einem grossen Tisch und sprechen übers Essen. Bald werden wir miteinander eine Woche in die Intensivproben fahren und wollen dort auch kulinarisch etwas gemeinsam erleben…
 

Mussie Yohannes

Eine Arbeit/ ein Projekt mit Menschen aus verschiedenen Kulturen mit unterschiedlichen Hintergründen, schätze ich immer sehr und es gefällt mir auch sehr, da man sich über verschiedene eigene Probleme und schöne Erlebnisse seines Lebens mitteilt. Diese Workshops fand ich sehr ähnlich und interessant. Ich freue mich sehr, gegenseitig mehr über Integration zu erfahren.


Habibe Bagdemir Kozandagi

Ich habe in meinem Schulleben nie Geschichte geliebt. Ich kann nicht gut auswendig lernen. Die Geschichtsstunde war voller Auswendiglernen. Doch ich wollte niemals abschauen!

Die Sekundarschule begann, aber ich konnte nicht auswendig lernen.

Meine Lehrerin mochte mich, auch wegen der Farbe meiner Haare und nannte mich immer gelbes Blümchen.

Wir hatten eine Prüfung. Mein Freund gab mir in der schriftlichen Prüfung ein kleines Papier mit einer Zusammenfassung.

Als die Lehrerin von hinten zu uns kam, geriet ich in Panik und warf das Papier meinem Freund vor die Füsse.

Am letzten Tag des Unterrichts musste ich aufstehen, um eine Frage zu beantworten. Meine Freunde sagen die Antwort, sie wiederholen sie immer wieder, ich sage gar nichts. Ich weiss es nicht und will nicht wiederholen, was meine Freunde sagen.

Ich bin stolz!

Drei Monate später legte ich die Prüfung als Einzelkurs ab und ging.

Ich erinnere mich an meine Lehrerin, mit Respekt und Liebe.

Ich habe vor zwei Wochen meinen Freund wieder gesehen. 40 Jahre, mein Freund, und ich liebe dich sehr.

Ich erinnere mich immer gut an dieses Ereignis.
 


Dorothy Wong Ka Chung

Fremde

Ich wurde in einer Einwanderungsstadt geboren - Hongkong - und nun nehme ich an diesem Projekt in der Schweiz teil.

Sie sagten, ich würde kein Deutsch sprechen. Ich habe mich mich an die Leute aus China erinnert, die Hongkong besuchen und dabei oft Mandarin zu uns sprechen; meine Muttersprache aber ist Kantonesisch und Englisch und etwas in mir sträubt sich, wenn ich es höre.

Fühlen sie sich genauso wie ich, wenn sie sagen, dass ich kein Deutsch spreche?

Sehen wir einander ähnlicher, wenn wir die gleiche Sprache sprechen können?

Wir werden niemals gleich sein.

Wir haben über lächelnde Gesichter gesprochen. Er sagte, seiner Ansicht nach sei ein Lächeln eine Ablehnung die auf eine Einladung folgt, und dies schmerze mehr als die direkte Ablehnung. In seinem Land ist ein Lächeln eine direkte Einladung, deshalb versteht er das nicht.

In meinem Workshop habe ich die Musiker*innen und die Teilnehmenden der ASZ in Zweiergruppen eingeteilt, sie sassen sich gegenüber und portraitierten sich gegenseitig, sie sagten, dass sie noch nie so einer Person ins Auge geschaut hatten.

Wir alle versuchen eine Person zu sein, die freundlicher aussieht, und wir alle versuchen, einander zu verstehen.

Aber können wir wirklich eine andere Person verstehen?

Als ich letztes Jahr in Italien war, schickte mein Freund mir eine Nachricht. Er sagte, er habe am Bahnhof eine Person getroffen. Diese Person verriet ihm, ISIS-Agenten seien hinter ihm her, den ganzen Weg vom Irak bis hier, er hatte sich versteckt, in einem riesigen Abwasserkanal, viele Tage lang. Sogar, als er bis zum Hauptbahnhof Zürich geflüchtet war, sogar hier, erkannte er, jedesmal, wenn er seinen Kopf drehte, den lauernden Schatten einer Person, die ihn nicht aus den Augen liess.

Ich war erstaunt, ich hatte mir nicht vorstellen können, dass das Leben so gefährlich sei.

Ich fragte sie nach ihrer Geschichte, nach der Reise vom Tibet bis hierher. Sie antwortete mir: Die Geschichten aller Menschen, die hier ankommen, ähneln sich mehr oder weniger. Weshalb sollte meine Geschichte so speziell sein, dass sie es wert ist, erzählt zu werden?

Ich erinnere mich, wie ich als Kind neben dem Radio gesessen habe und eine Sprache übertragen wurde, die ich nicht verstehen konnte. Später sagte Papa, das sei die allabendliche Sendung der Regierung zur Dämmerungszeit. Es war die Aufforderung auf Vietnamesisch an die Vietnamesischen Geflüchteten, vor der Schliessungszeit wieder in die Lager zurückkehren.

Es erinnert mich auch an die Nachricht von der Küstenwache, welche Menschen aus dem Meer zog, die sagten, wir sind für zehn Stunden geschwommen, um hierher zu gelangen, eher würden wir sterben, als zurück nach Festlandchina zu gehen.

Zwanzig Jahre später hörte ich denselben Satz tausende Meilen weit weg, auf einem anderen Kontinent.

Wir sind alle anders, aber was lässt uns alle fliehen? Was ist es, dem wir hinterherjagen, das so wichtig ist?

Das erinnert mich an ein Buch der Hongkonger Autorin Hong Lai-chu (韓麗珠), das ich kürzlich gelesen habe:

„Das ist eine Person, oder eine Gruppe von Menschen, die ständig umziehen muss, um die Möglichkeit eines Zuhauses zu verwirklichen und ein Obdach zu finden, wo sie in Frieden leben kann.

Wenn eine Person an einen anderen Ort geht und versucht, ein eigenes Leben aufzubauen, heisst das nicht, dass sie ihre Vergangenheit einfach wegwerfen kann. Dies ist ein Hinweis, der sie daran erinnert, an ihren Herkunftsort zurückzugehen, und sich mit ihrer eigenen Geschichte, mit der Familiengeschichte und sogar mit ihrer eigenen andauernden Konfrontation mit der Staatsgewalt auseinanderzusetzen.

Mehr und mehr sieht sie den Leuten hier ähnlich, und zugleich gleicht sie keiner Person aus keinem Land. Im Verlauf ihres Exils wurde sie eine Fremde, von Kopf bis Fuss, und sie hat nicht nur physisch, sondern auch spirituell jenen Ort verloren, an den sie zurückkehren könnte. Die Zahl dieser Fremden wächst und wächst. Nicht nur die Juden, die eine ethnische Säuberung erlitten haben, sondern auch die Uiguren in Xinjiang, die umerzogen werden, nicht nur die Rohingya, die massakriert werden, sondern auch die mehr und mehr ins Abseits gedrängten alten Hongkonger.”


Benjamin Ryser

Die Autonome Schule ist für mich ein Ort, wo ich vieles verlerne, was ich einmal über mich gedacht habe.

An der ASZ sind alle Lehrer*innen Schüler*innen und alle Schüler*innen Lehrer*innen. Dabei verlernen wir, Schüler*innen und Lehrer*innen zu sein. Jede Person hat für eine Stunde die Workshops angeleitet.

Während dieser zehn Stunden waren wir nicht Schüler*innen und Lehrer*innen, sondern Zuhörer*innen. Beim Zuhören lernt und verlernt man.

Was habe ich gehört, als ich zugehört habe?

Ich habe unsere Namen gehört, mit Klang an die Wand geschrieben.

Ich habe gehört, wie die Stühle unter uns knarren.

Ich habe Träume und Wünsche gehört, die erfüllten neben den unerfüllten.

Ich habe das Meer gehört, durch zehn verschiedene Ohren.

Ich habe gehört, wie wir lachen.

Ich habe gehört, wie wir nach Wörtern suchen.

Ich habe zwischen den Wörtern gehört, was wir zu sagen haben.
 


Amine Diare Conde

Als Benjamin und Dorothy mir von dem Workshop erzählt haben, hat es mich sehr interessiert, aber nachdem wir die Workshops durchgeführt haben, fand ich es mehr als ich erwartet habe. Die Geschichten jeder einzelnen Person waren sehr interessant, weil ich fand und fühlte, dass die Geschichte mit meinen persönlichen Tätigkeiten zu tun hatten, z.b die Geschichte von der Flucht, von meinem Vater oder meine Träume.

Und die Entscheidung eine selbst ausgewählte Idee aus persönlichen Erfahrungen in die Gruppe einzubringen war sehr interessant, da man die Möglichkeit hatte, seinen eigenen richtigen Willen auszudrücken.

Deswegen ich bin jederzeit bereit um an diesem Projekt weiter mitzumachen.



Dlomatsang Lhakpa

Für mich, ich bin das erste Mal bei einem solchen Workshop gewesen und es war sehr gut. Ich habe viele süsse Leute kennengelernt und alle haben über ihre eigenen Erfahrungen, Familien und verschiedene Geschichten erzählt. Ich hatte eine schöne Zeit mit euch, ausserdem ist das Spiel von Amine sehr interessant. Natürlich ist es eine sehr gute Gelegenheit, Deutsch zu sprechen. Am Anfang konnte ich nicht genau meine Meinung sagen , weil ich ein bisschen nervös war, aber alle Leute sind sehr geduldig und sprechen perfekt Deutsch. Etwas später habe ich mich schon daran gewöhnt und ich konnte meine Meinung sagen. Ich fühle mich sehr wohl, dass ich an diesen Workshops teilgenommen habe, und ich werde wieder daran teilnehmen. Ich danke euch, dass ihr mir die Gelegenheit gegeben habt. Ich freue mich darauf, mich mit euch im April zu treffen.


Sebastian Hofmann

Was mich an diesen Workshops besonders Berührte, sind die Gespräche mit allen Beteiligten vor allem mit alle denen aus dem Umfeld der Autonomen Schule. Es war für mich sehr bereichernd und ich freue mich auf die (Koch)-Woche mit euch.

Ich fand es sehr interessant, wie ihr Eure Namen in meinem Workshop gespielt hattet, ich könnte mir vorstellen dass das eine Möglichkeit wäre, auf einer Bühne mit Musikern und Nichtmusikern ein Konzert zu spielen.

Ist das die Integration die ich als Musiker einbringen kann? Ich weiss es nicht.

Aber...

Mir gefielen die Workshops leider nur zum Teil.  Mir fehlte von Anfang an ein Mediator in unseren Gesprächen und einen Leitfaden der zeigt wo sich das Ganze hinbewegen soll. Als Musiker möchte ich gerne meinen Beitrag einbringen. Ich bin offen für alles und möchte alles, was ich kann, einbringen.

Ich schätze und freue mich wirklich auf die nächste Zeit mit euch.

Ich bin sehr gespannt wie sich das Projekt in der Autonomen Schule weiter entwickelt.
 

Murat Cevik

Obwohl ich bei den Workshops nur einmal dabei sein konnte, war es schön und eindrücklich, all die völlig unterschiedlichen Geschichten der Teilnehmern zu erfahren und die Atmosphäre der Autonomen Schule zu spüren. Die Workshops und dessen Spiele haben ein sehr intensives Kennenlernen ermöglicht. Daher freue ich mich auf die Probewoche und die Herausforderung, daraus zusammen ein spannendes musikalisches Projekt zu entwickeln.  

Wann und wo kann ich an der Konzertausstellung teilnehmen?

05. Mai 2019; 16 bis 20 Uhr

Autonome Schule Zürich

Sihlquai 125

8040 Zürich

www.bildung-fuer-alle.ch

08. Mai 2019; 18 bis 21 Uhr

Autonome Schule Biel

Villa Fantasie

Alexander-Schöni-Straße 26

2503 Biel-Bienne

www.autonome-schule-biel.ch

12. Mai 2019; 16 bis 20 Uhr

Integra - Bildung für alle

Tschudistrasse 21

9000 Sankt Gallen

https://www.solidaritaetsnetz.ch/deutschkurse/stadt-st-gallen/

Teilnehmende:

Autonome Schule Zürich: Mussie Yohannes - Dlomatsang Lhakpa - Amine Diare Conde - Habibe Bagdemir Kozandagi

ENSEMBLE TZARA: Murat Cevik, Flöte - Moritz Müllenbach, Violoncello - Sebastian Hofmann, Schlagzeug - Simone Keller, Klavier

Kollektiv o!sland: Benjamin Ryser, Komponist; Dorothy Wong, Medienkünstlerin

San Keller, künstlerischer Leiter

Asyl Integration Kunst Musik Schweiz Theater Zürich

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