02. 05. 2019 Amine Diare Conde

Wen soll ich retten?

Warum ich versuche, eine Schweizerin, einen Schweizer oder ein Tier zu retten

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Ich würde gerne jemandem das Leben retten. Dann würde ich vom Bundespräsidenten Ueli Maurer eingeladen werden. Die Medien würden meine Heldentat bekannt machen.

Aber dafür müsste ich wohl einen Menschen mit Schweizer Pass oder ein Tier retten, und das ist ein sehr schwieriges Unterfangen, weil die Menschen hier gut auf sich aufpassen und stets auf der Hut sind. Was mich in der Schweiz überrascht und fasziniert, ist die Tatsache, dass sogar die Tiere eine Ausbildung machen! Und die Vierbeiner riskieren auch nie ihr Leben. Sie laufen zum Beispiel nie bei Rot über die Strasse und spielen nicht am offenen Fenster. Und wenn doch einmal ein Unfall geschieht oder eine gefährliche Situation entsteht, sind die Rettungsorganisationen schneller zur Stelle als ich.

Es ist schwieriger, als ich erwartet habe. Dennoch verliere ich nie die Hoffnung, dass es irgendwann klappen wird, weil mir viele Menschen hier die Daumen drücken.

Im Mai 2018 rettete Mamoudou Gassama, der ohne Papiere in Frankreich lebte, einem Franzosen aus Selbstlosigkeit  das Leben, worauf Gassama vom französischen Präsidenten, Herrn Emanuel Macron de la France, zu einem gemeinsamen Frühstück eingeladen wurde. Mamadou Gassama wurde als Held gefeiert und bekam eine Auszeichnung und eine Aufenthaltsbewilligung. Seither gehe ich fast jeden Tag nach der Freiwilligenarbeit ins Freie, um nach Menschen zu suchen, die sich in Not befinden, um sie dann zu retten. Aber diese Person muss einen Schweizer Pass haben, mit roter Farbe und weissem Kreuz in der Mitte. Sonst laufe ich Gefahr, verhaftet und angeklagt zu werden.

Man muss aufpassen, dass man nicht die falsche Person rettet, denn sonst kann man bestraft werden oder gar im Gefängnis landen

Denn man muss eine Regel beachten, um als Held zu gelten und eine Einladung vom Bundespräsidenten Ueli Maurer, einem wahrhaftigen Schweizer, zu bekommen. Man muss aufpassen, dass man nicht die falsche Person rettet, denn sonst kann man bestraft werden oder gar im Gefängnis landen. Ich wünsche niemandem eine solche «Belohnung»!

Frauen wie Anni Lanz oder Lisa Bosia zum Beispiel, die im Jahr 2019 an der Schweizer Grenze Menschen gerettet haben, wurden dafür kriminalisiert und bestraft. Für mich ist es eine Katastrophe und ein Drama, was seit 2016 auf dem Mittelmeer passiert: Die Migrant*innen werden in die Türkei oder nach Libyen abgeschoben, Europa interessiert es nicht, was dort mit ihnen passiert.

Ich wünsche mir, dass mich Politiker*innen in der Schweiz einladen würden, wenn ich etwas Gutes für die Menschheit leiste. Es sollte dabei keine Rolle spielen, welche Hautfarbe oder Nationalität ich habe. Mensch ist Mensch, und jeder Mensch hat nur ein Leben.

Wenn  mich meine Eltern nach der Nationalität gefragt hätten, bevor ich geboren wurde, wäre meine Antwort wie folgt ausgefallen: Ich wünsche mir ein Land, wo Freiheit, Sicherheit und Gleichheit herrschen und direkte Demokratie angewandt wird. Ich denke, dass alle Menschen ähnlich antworten würden.

Die Schweiz verspricht, diese Grund- und Menschenrechte einzuhalten. Deswegen riskieren Menschen ihr Leben, um hierher zu kommen, wo sie die Möglichkeit haben, ein gutes Leben zu führen.

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