27. 05. 2019 Malek Ossi

Wenn ein Diplom plötzlich nichts mehr gilt

Hast du dir schon die Frage gestellt, weshalb viele Menschen mit Migrationshintergrund in der Schweiz nicht an eine Hochschule gehen oder warum sie sich beruflich für etwas ganz anderes entscheiden, als ihre Ausbildung zulassen würde?

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Bild: Milad Perego, milopic.ch

Sehr oft können Menschen, die in ihrem Heimatland gut ausgebildet sind, ihren Beruf in der Schweiz nicht ausüben. Unsere Diplome werden nicht anerkannt, wir werden als unqualifizierte Arbeitskräfte behandelt, unser Wissen wird nicht genutzt. Eine Folge davon sind die oft geringen Löhne von Menschen mit Migrationshintergrund. Hinzu kommt, dass damit unsere soziale Anerkennung stark sinkt. Die Erfahrungen, die wir dabei machen, sind oft schmerzhaft, so dass manche Menschen gar nicht mehr darüber sprechen möchten. Über ihre aktuelle soziale und berufliche Lage nachzudenken, tut ihnen weh.

Die Behörden legen uns Steine in den Weg.  Die Voraussetzungen, die man hier erfüllen muss, sind zum Teil unerreichbar. Zum Beispiel wird die Anerkennung des Universitätsabschlusses zum ewigen Durchqueren eines Labyrinths. Auch andere gute ausländische Ausbildungen werden hier nicht akzeptiert, oft auch die Matura nicht. Viele von uns beginnen einen harten Kampf gegen die Schweizer Bürokratie und klopfen jahrelang an verschiedene Türen, bis wir mit etwas Glück eine offene finden. Dieser Artikel beleuchtet anhand verschiedener Gespräche ein Schicksal, das viele von uns teilen.

Leyla aus Syrien, 45 Jahre alt, Juristin

Wir sitzen vor dem Bundeshaus in Bern. Leyla erzählt mir, dass sie in Damaskus den Bachelor in Jura erfolgreich abgeschlossen hat. Von 2010 bis 2013 leitete sie in ihrer Heimatstadt einen Kindergarten, dann zog sie mit ihrem Mann in den Nordirak. Inzwischen lebt sie seit gut fünf Jahren hier in der Schweiz und hat mitsamt ihrer Familie eine vorläufige Aufenthaltserlaubnis.

Eigentlich wollte Leyla sich ihr Diplom anerkennen lassen, um ihr Studium fortsetzen zu können. Aber «mir wurde mitgeteilt, dass mein Bachelor nicht ganz anerkannt ist. Viele Kreditpunkte wurden nicht übernommen, genauer gesagt waren es von 180 Kreditpunkten nur 60. Das kann ich nachvollziehen, weil Jura hier anders ist als in Syrien. Damit meine ich, dass gewisse Gesetze anders sind, wie etwa beim Bau eines neuen Hauses. Eine Freundin von mir, die in Syrien Wirtschaft studiert hat, wurde in Bern von der Universität aufgenommen.» Hinzu kam, dass Leylas Deutschkenntnisse nicht ausreichend waren. Für den Studienbeginn hätte sie das Niveau C1 gebraucht, «was ich kritisch finde, weil ich daran glaube, dass man während des Studiums lernen kann.»

Leyla wollte sich ihr Diplom anerkennen lassen, um ihr Studium fortsetzen zu können. Aber «mir wurde mitgeteilt, dass mein Bachelor nicht ganz anerkannt ist».

Aufgrund dieser Hindernisse entschied sie sich dafür, erstmal einen anderen Weg einzuschlagen. Sie arbeitet derzeit bei einer Studie des Zürcher Universitätsspitals über psychische Probleme von Syrer*innen in der Schweiz. Ausserdem dolmetscht sie freiwillig für Geflüchtete bei Behördengängen und bereitet sich auf die Deutschprüfung für das C1 vor. Sie schlägt die Hände vors Gesicht und stöhnt: «Diese Prüfung ist verdammt schwierig!» Diese ganzen Aufgaben zu bewältigen verlangt einen grossen Kraftaufwand. «Es ist nicht leicht, neben meinen 3 Kindern alles unter einen Hut zu bringen.»

Sie hat mehrmals versucht, bei Organisationen, die Geflüchtete unterstützen, ein Praktikum zu beginnen, jedoch stösst sie dabei immer wieder auf verschlossene Türen. «Ich habe das Gefühl, dass Schweizer*innen immer Vorrang haben. Mir scheint, sie hätten Angst, dass wir ihnen die Jobs wegnehmen.» Es gebe zwar viele Organisationen, die helfen wollen, aber die Hilfe höre oft dann auf, wenn es um wirkliche Emanzipation gehe.

Für die nähere Zukunft hofft Leyla, ihre C1-Prüfung zu bestehen. Überdies würde sie sich wünschen, nur ein paar Weiterbildungen besuchen zu müssen, anstatt ihr Studium zu wiederholen. Ausserdem bräuchte sie finanzielle Unterstützung, doch das ist schwierig. Häufig kriegen vorläufig aufgenommene Menschen keine Stipendien. Glücklicherweise hat ein Verein ihr eine zweijährige Unterstützung zugesagt.

Bereket aus Eritrea, 31 Jahre alt, Mathematiklehrer und Sanitär-Lehrling

Bei einem Kaffee an einem gemütlichem runden Tisch erzählt mir Bereket, wie er die ersten 11 Schuljahre bis und mit Gymnasium durchlaufen hat, um dann wie alle anderen Gymnasiast*innen in Eritrea die zwölfte Klasse mit Matura und gleichzeitigem Militärtraining zu absolvieren. Mit seinem guten Resultat bei der Maturitätsprüfung konnte er am Asmara Teacher Training Institute eine Ausbildung zum Lehrer machen. Später machte er eine Weiterbildung am Eritrea Institute of Technology, um daraufhin einen auf Englisch geführten Bachelor in Mathematics and Education mit Auszeichnung zu absolvieren. Mit einem abgeschlossenem Studium arbeitete er eineinhalb Jahre als Lehrer.

Eigentlich möchte er auch hier in der Schweiz am liebsten als Mathematiklehrer arbeiten. Das grösste Problem dabei ist momentan die Sprache. Er hat an der ETH Schnupperkurse für geflüchtete Menschen besucht. Obwohl der Inhalt grundsätzlich auf einem Niveau war, mit dem er keine Mühe hatte, waren die sprachlichen Hürden bei den Kursen, die auf Deutsch stattgefunden haben, zu hoch. Die auf Englisch geführten Kurse waren für ihn kein Problem.

«Selbst wenn ich die sprachlichen Hürden überwinden würde, könnte ich nicht weiterstudieren, solange meine eritreischen Mathematikzeugnisse nicht anerkannt werden.»

Also hat sich Bereket erstmal für eine andere Richtung entschieden. «Zurzeit mache ich eine Ausbildung als Sanitär,» sagt er. «Wenn ich mit meiner Lehre fertig bin, werde ich nochmals schauen, welche Möglichkeiten ich für meinen zukünftigen Weg habe.» Und er fährt fort: «Selbst wenn ich die sprachlichen Hürden überwinden würde, könnte ich nicht weiterstudieren, solange meine eritreischen Mathematikzeugnisse nicht anerkannt werden.»

In einer Gratisdeutschschule wurde Bereket von einer Lehrerin darauf angesprochen, ob er sich nicht eine Lehre als Sanitär vorstellen könnte.  Da er einen Einblick in die Berufswelt hier in der Schweiz erhalten wollte, war er mit einer Schnupperlehre einverstanden. Es hätte wahrscheinlich keine grosse Rolle gespielt, welchen Beruf die Lehrerin ihm nahegelegt hätte: «Ich hatte damals einen N-Ausweis, ich war noch im Asylverfahren und mein Deutsch war noch nicht sehr gut.»

Nach der Schnupperlehre bot der Betrieb Bereket eine Lehrstelle an. Als er die Aufenthaltsbewilligung B erhielt, entschied er sich für diese Lehrstelle. Das war eine sehr schwierige und schwerwiegende Entscheidung, sagt er. Sein Vorhaben war, während der Lehre sein Deutsch zu verbessern und später Weiterbildungen machen zu können. Er dachte, dass er als Sanitär wenigstens überhaupt arbeiten und sich in eine Berufswelt begeben könnte, so dass er so schnell wie möglich unabhängig sein würde, um ein Leben aufbauen zu können. Für ihn bleibt fraglich, ob er dies mit einem Studium auch tun könnte.  Er könnte vielleicht schon mit allen Mitteln versuchen, noch einmal ein Studium zu absolvieren. Aber wäre er mit nicht ganz makellosen Deutschkenntnissen als Lehrer konkurrenzfähig auf dem Arbeitsmarkt?

Bereket bettet seine Überlegungen in seine Lebenssituation hier in der Schweiz ein: «Schau, alles, was ich hier sage, ist vor dem Hintergrund zu verstehen, dass ich während zwei Jahren in einem Wartezustand war, in dem ich nicht wusste, ob ich eine Aufenthaltsbewilligung erhalten würde. Zudem war es mir in dieser Zeit untersagt, eine Lehre, ein Studium oder sonst etwas beruflich Sinnvolles anzufangen.» Diese Wartezeit war für ihn wie für alle geflüchteten Menschen zermürbend. In den ersten Monaten hier in der Schweiz war er mit ganz anderen Zielen und Vorstellungen unterwegs. Aber er wurde mit der Realität konfrontiert, die so aussah, dass sein beruflicher Hintergrund nicht anerkannt wurde und dass sein Deutsch nach wie vor noch nicht fehlerfrei war.

Es schmerze ihn und tue ihm leid, dass er seinen Beruf nicht ausüben könne, betont er. Er sei auch wütend auf die eritreische Regierung, denn diese weigere sich, Abschlussdiplome auszustellen. Sie stellt nur für jedes Semester einen aktuellen Notendurchschnitt aus, vergibt aber absichtlich keine offiziellen Abschlüsse. Bereket wundert sich aber auch über die Schweizerische Diplomanerkennungspraxis. Die Schweiz und somit auch Hochschulen wie die ETH wüssten doch um die politische Situation von Ländern wie Eritrea: «Warum testen sie nicht die Fähigkeiten der Personen, anstatt sich nur auf Zertifikate zu konzentrieren, die in Eritrea ja aus politischen Gründen nicht ausgestellt werden? Die Hochschulen sollten vielmehr schauen, was die Leute mitbringen, und dann entscheiden. Den alleinigen Fokus auf Diplome finde ich sehr problematisch.»

Jamal aus dem kurdischen Teil Syriens, 26 Jahre alt, Jura-Student und bald Student der Sozialarbeit

«Zwölf Jahre lang habe ich verschiedene Schulen besucht und zweimal die Matura gemacht, schliesslich wollte ich Jura studieren, und in Syrien muss man beim Abschluss ein hohe Punktzahl haben, um zu diesem Studium zugelassen zu werden», erzählt mir Jamal an einem regnerischen Tag in einer warmen Küche bei einer Tasse Tee. Nach zwei Jahren Vorbereitung konnte er endlich mit dem Studium beginnen. Bis 2015. «Dann musste ich aus Damaskus fliehen. Ich war gezwungen, mein Studium abzubrechen. Bis heute schmerzt mich dies.» Am Ende des gleichen Jahres kam Jamal in der Schweiz an.  Hier angekommen dachte er sich, er könne seinen Traum verwirklichen. «Jedoch stiess ich auf so grosse Hürden, die wie der Himalaya erst einmal unüberwindbar waren.» Er hatte keinen Deutschkurs, keine Aufenthaltsbewilligung und eine starke Ungewissheit im Hinblick auf seine Zukunft. «Auf Anfrage hin teilte mir die Uni Fribourg mit, dass ich für ein Studium die Matura für Erwachsene machen müsste.» Dieser Satz raubte ihm jede Perspektive, weiter an der Uni zu studieren.

Anfang 2016 fing er an, bei unabhängigen Projekten wie der Autonomen Schule in Zürich Deutsch zu lernen. Er begann sich dort politisch zu engagieren: «Ich war zunehmend von der Notwendigkeit eines politischen Wandels für die Verbesserung meiner Lebenssituation überzeugt.» Hier ging er dreimal pro Woche in den Deutschunterricht. Nach wenigen Monaten sprach er schon einigermassen gut Deutsch. «Der Umgang mit anderen Leuten und der Austausch mit Freund*innen haben mir dabei sehr geholfen.»

Jamal wollte so schnell wie möglich von der Sozialhilfe unabhängig werden, also entschied er sich für eine Lehre als Automechaniker. „Nach ein paar Schnuppertagen war ich enttäuscht und überzeugt, dass dies nicht mein Lebenstraum war.“ Also informierte er sich. Bei einem Gespräch mit einer Bekannten wurde er auf Soziale Arbeit aufmerksam. «Eine Woche später war ich in der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) und musste mir anhören, dass ich für ein Studium in Sozialer Arbeit Schweizerdeutsch sprechen und verstehen müsse.» Ausserdem hätte er tausend Stunden Arbeitserfahrung gebraucht.

Er lacht: «Ich durfte doch gar nicht arbeiten, weil ich noch im Asylverfahren war!» Das Verfahren dauerte bei ihm fast drei Jahre. Überdies musste er für die Fachhochschule das Deutschniveau C2 nachweisen, obschon man an der Uni nur C1 verlangt. Die Fachhochschulen argumentieren, dass man bei ihnen viel schreiben und lesen müsse. Jamal lacht bei dem Gedanken an diese Argumentation, «als ob man bei einem Germanistik- oder Jurastudium nicht auch viel lesen und schreiben müsste.»

Im September diesen Jahres beginnt Jamal sein Studium. «Es ist, als hätte ich ein unheimlich spannendes Date vor mir.

Also suchte er während zwei Jahren nach einer Alternative. Letztes Jahr wurde Jamal an einer Fachhochschule für Soziale Arbeit einer anderen Stadt aufgenommen. «Sie haben meinen syrischen Maturitätsabschluss anerkannt. Jedoch wurde mir die Bedingung auferlegt, das Deutschniveau C2 zu haben.» Seither lernte er wie eine fleissige Biene Deutsch. Im Januar legte er die Prüfung ab. «Die Prüfung war sehr schwer und hatte überhaupt nichts mit Sozialarbeit zu tun.» Im September diesen Jahres beginnt er sein Studium, worauf er sich überaus freut. «Es ist, als hätte ich ein unheimlich spannendes Date vor mir.»

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