03. 08. 2016 Khalid Ahmad

Wie können wir gerecht sein?

Ist es wichtig, auf welcher politischen Seite ich stehe? Um zu wissen, ob man auf der Seite der Kommunisten, Anarchisten, Sozialdemokraten, Kapitalisten oder der Neuen Liberalen stehen soll, braucht man nicht viel gelesen zu haben. Weder Kafka, Kant, Nietzsche oder Camus noch Freud, Chomsky, Marx, Hegel oder Engels.

Ich stehe auf der Seite der Menschen, die für die Gerechtigkeit sind. Um gerecht zu sein, brauche ich mich nicht in Philosophie oder Ökonomie zu vertiefen. Die Situation ökonomischer Ausbeutung ist auch ganz normalen Menschen klar. Blickt man genau hin, versteht man, wie ungerecht diese Welt ist und wie katastrophal das Leben unter dem kapitalistischen Regime.

Als ich zwölf Jahre alt war, wusste ich nichts von Philosophie. Ich machte mir auch keine Gedanken über die Gerechtigkeit. Aber ich habe gemerkt: Was meine beiden jüngsten Schwestern – damals 10 und 11 Jahre alt – alles machen müssen, ist nicht gut. Sie waren beschäftigt mit unserem sehr grossen Obst- und Gemüsegarten. Sie gärtnerten und ernteten. Sie molken unsere Ziegen, Schafe und Kühe. Sie wuschen für uns alle von Hand die Wäsche, putzten das Haus und kochten das Essen. Und beim Austeilen des Essens gaben sie den Männern, dem Vater und den Brüden, das Beste.

Damals versuchte ich, meine Schwestern darauf aufmerksam zu machen, dass das ihnen gegenüber nicht fair ist, und dass sie damit aufhören sollten. Aber ich schaffte es nicht, sie zu überzeugen. Sie machten so weiter, weil sie so sozialisiert worden waren. Ich konnte diese Ungerechtigkeit nicht dulden und musste mich direkt einmischen, wenn das Essen ausgeteilt wurde. Und ich ignorierte einen Teil meiner eigenen Aufgaben, damit ich mehr Zeit hatte, um meinen Schwestern zu helfen.

Um Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zu bemerken, braucht es nicht viel – sondern nur, dass wir uns vom Egoismus distanzieren. Ach, wie schön wäre dies: eine Welt ohne Krieg, ohne Armut, ohne Ausbeutung und ohne Manipulation. Ohne Diskriminierung und Rassismus, ohne Gewalt gegen Frauen, Kinder und alle Menschen.

Dieser Text wurde am 7. Januar 2016 als Winterrede aus dem Erkerfenster des Zentrums Karl der Grosse in Zürich vorgetragen.

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