06. 05. 2017 Katharina Morello und Michael Schmitz

Willkommen auf der Baustelle!

Was ist die Autonome Schule Zürich (ASZ) eigentlich? Das haben sich auch Sozial­wissenschaftler*innen gefragt und die ASZ zu ihrem Forschungsobjekt gemacht. Ein Gespräch über die Resultate.

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Fotodokumentation Alltag in der ASZ von Milad Ahmadvand und Milad Perego.

Sie nennen die Autonome Schule Zürich eine Grossbaustelle, sprechen von einem «kreativ bespielten Raumdschungel» und attestieren den ASZ-Aktivist*innen eine ausgeprägte Fähigkeit, mit Ambivalenzen zu leben. Annegret Wigger und Gianluca Cavelti vom Institut für Soziale Arbeit der Fachhochschule St. Gallen haben vergangenes Jahr in der ASZ Feldforschung betrieben.

Eure zentrale Frage lautete: Was ist die ASZ und was hält sie zusammen? Was habt ihr über uns herausgefunden?

Annegret: Zuerst muss gesagt sein: Was wir gesehen haben, ist unsere Sicht. Wir haben in einer begrenzten Zeit einen Blick auf die ASZ werfen können. Es war eine qualitative Studie ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Man soll sie nicht als Bewertung verstehen. Wir versuchten festzustellen, was da ist.

Gianluca: Wir sehen die ASZ als eine modellhafte gesellschaftliche Grossbaustelle. Wir nennen sie auch einen kreativ bespielten Raumdschungel. Der Raum spielt eine besondere Rolle. Er ist mehr als ein Ort, ist etwas Geschaffenes, das immer wieder hergestellt werden muss.

Annegret: Der Raum ASZ wird täglich über verschiedene Handlungen geschaffen. Das sind zum einen die vielen Aktivitäten, die hier stattfinden, die verschiedenen Kurse, Besprechungen, aber auch das Kochen und Putzen oder Im-Café-Sitzen. Zentral ist: Es geht um selbstverwaltete Bildung für alle und mit allen - und zwar verstanden als ein politisches Manifest.

Erzählt doch mal, wie ihr an die ASZ gekommen seid.

Gianluca: Wir haben von euch gehört und gelesen und fanden im Team: Das wäre spannend! Dann schrieben wir euch drei Mal an, erhielten jedoch keine Antwort.

Annegret: In der Sozialforschung gilt die Regel: Wie man in ein Forschungsfeld hineinkommt, sagt schon viel über das Feld selbst aus. Das war bei der ASZ nicht anders. Als mein Team sagte: Sie schreiben nicht zurück, sagte ich: Da muss man halt persönlich vorbeigehen. Ich musste dann aber drei Anläufe nehmen, mich durchfragen, im Schulbüro vorbeischauen, mit verschiedenen Leuten reden... Man bot mir an, doch selbst einen Deutschkurs an der ASZ zu geben, wenn ich die Schule kennenlernen wolle und am Ende hiess es, die Vollversammlung müsse entscheiden. Alles war überhaupt nicht in einem üblichen Rahmen. Ich sah keine Struktur, es gab offenbar niemanden, der Entscheidungen treffen konnte. Alles blieb in der Schwebe: Spannend, aber unsicher.

Wir hätten gut ohne diese Forschung leben können...

Annegret: Das hat man gespürt. Doch inzwischen war uns klar, dass wir die ASZ dabei haben wollten.

Gianluca: Wir gelangten also an die Vollversammlung. Erst mussten wir den Raum suchen, dann sassen da ein paar Leute, die uns komisch ansahen: Wer seid ihr und was wollt ihr hier? Wir begannen zu erklären, sie schauten noch misstrauischer. Wir sahen auch, dass es bereits eine ellenlange Traktandenliste gab und dachten: Meine Güte, das wird schwierig. So füllte sich der Raum und zuletzt schlurfte noch einer mit einem Bier herein.

Es war kein Bier! An der VV gilt Alkoholverbot. Diese Regel halten wir ein.

Wie dem auch sei. Bevor es losging, gab es eine Vorstellungsrunde, die ziemlich lange dauerte. Es waren ein paar Personen im Raum, die zu keiner Arbeitsgruppe gehörten - sie wurden hinauskomplimentiert. Zudem fand die Sitzung auf Französisch statt und alles musste übersetzt werden, was jemand lautstark in Frage stellte. Endlich kam das erste Traktandum dran. Wir dachten längst, wir hätten mit unserem Anliegen in dieser angespannten Situation keine Chance.

Wir haben diese besondere Freundlichkeit von Anfang an gespürt. Den respektvollen Umgang miteinander.

Als wir unser Forschungsprojekt vorgestellt hatten, gingen gleich die Hände in die Höhe. Aber dann fragte der Sitzungsmoderator: Gibt es grundsätzliche Einwände? Nein? Dann delegieren wir die Begleitung dieser Studie an eine Arbeitsgruppe. Alle waren einverstanden und gleich meldeten sich drei für diese Gruppe, auch der mit dem vermeintlichen Bier. Er gab zu unserer Verblüffung sogar ein Plädoyer für unsere Studie ab: Es könnte ein Gewinn für die ASZ sein, etwas über sich selbst zu erfahren.

Was sagt diese Episode über die ASZ aus?

Annegret: Typisch ist, dass vieles, was man erwartet, so nicht da ist. Und dass man überrascht wird, was möglich ist. Wer eine E-Mail schreibt und keine Antwort bekommt, denkt üblicherweise, er ist nicht erwünscht. Anderswo kann man einer Struktur folgen. Hier muss man ein Gefühl dafür entwickeln, wie die Dinge ausgehandelt werden. Als wir dann «drin» waren, war es ganz einfach. Man setzt sich ins Café und erfährt sofort: Ich bin zwar fremd unter Fremden, aber ich bin angenommen. Das gibt ein gutes Gefühl. Ständig findet ein interessiertes aufeinander Bezugnehmen statt. An der ASZ wird eine spezielle Begegnungskultur gepflegt, die vielen Leuten Platz lässt. Es ist ausserordentlich, dass sich hier so viele verschiedene Menschen aufgehoben fühlen.

Gianluca: Viele, die wir befragten, sagten: Ich habe das sonst noch nie irgendwo erlebt.
Annegret: Wir haben diese besondere Freundlichkeit von Anfang an gespürt. Den respektvollen Umgang miteinander.

Es ist aber nicht so, dass es bei uns keine Konflikte gäbe!

Annegret: Natürlich nicht. Es gibt viele Gruppierungen mit unterschiedlichen Interessen und es gibt hier einige Persönlichkeiten mit Gestaltungsansprüchen. Interessant ist, wie die Entscheidungskompetenzen zwischen den verschiedenen Gremien und Personen immer wieder situativ ausgehandelt werden. Ihr habt eine Kultur des Sich-wechselseitig-Versicherns. Man muss miteinander in Kontakt sein, um zu wissen, was man darf und was nicht. Da sind Regeln, aber man kann sie auch aushandeln. Es gibt ein Gerüst, aber nicht strikt und rigide, sondern im Fluss. Die formale Macht hat die Vollversammlung der Arbeitsgruppen, es gibt aber auch informelle Macht, einen Kern von etwa dreissig Leuten. Doch auch der wechselt immer wieder. Manchmal gibt es von einer Sache verschiedene Wahrnehmungen. Trotzdem kann man zusammen weitergehen. Tragend ist eure ausgeprägte Fähigkeit, mit Ambivalenzen zu leben. Das braucht Kraft: Es ist anspruchsvoll, handlungsfähig zu bleiben, ohne Minderheitspositionen zu negieren. Das ist das Spezielle der ASZ, eure besondere Stärke.

Das klingt schön, fast romantisch! Tatsache ist jedoch - und manche von uns sehen dies als eine Schwäche der ASZ: Nur wenige Migrant*innen äussern sich politisch. Oft fehlt das Wissen, um sich kompetent in den politischen Diskurs der Schweiz einmischen zu können. Auf den Podien bleibt ihnen oft nur die Position der «Betroffenen», die aus ihrem Leben erzählen, während die weissen Europäer*innen die politische Analyse bringen. Letztlich ist dies eine Reproduktion von Kolonialismus. Wir müssen mehr tun, um solchen Tendenzen entgegenzuwirken.

Gianluca: Man kann bei euch auf sehr vielfältige Weise teilnehmen. Wichtig ist das Erlebnis: Ich baue mit, auch wenn ich nicht bei Entscheidungen dabei bin. Es ist eine konkrete Erfahrung, etwas mitgestalten zu können.

Annegret: Meines Erachtens beteiligen sich hier die Menschen mit ganz verschiedenen Aktivitäten am politischen Kampf, auch zum Beispiel durch Putzen und Kochen. Die Frage ist nur, ob ihr die Vertretung auf dem Podium, also die Rolle «weisser junger Europäer*innen» höher gewichtet als das alltägliche Versorgen der ASZ. Vielleicht geht es darum, diese anderen nicht sichtbaren Tätigkeiten auch in der politischen Repräsentation sichtbar zu machen.

Das stimmt. Aber wenn Freund*innen von uns in Ausschaffungshaft sitzen oder sogar ausgeschafft werden, wird uns schmerzhaft bewusst, dass dies eben nicht reicht: Die Gesetze, welche Migrant*innen Gewalt antun, ändern wir nicht in unserer schönen kleinen Welt der ASZ. Dazu müssen wir nach draussen gehen.

Annegret: Ich frage mich, wie viele von euch die politische Einmischung in den Vordergrund stellen. In meinen Augen ist schon beeindruckend, wie es euch gelingt, zusammen mit so vielen Leuten und so verschiedenen Positionen etwas wie die ASZ auf die Beine zu stellen. Dies ist eine grosse Leistung. Auch die Ambivalenz auszuhalten, es müsste politischer sein. Eure Kultur und die Art, wie man sich in den Räumlichkeiten begegnet, ist nicht selbstverständlich. Es ist weder deutsch noch schweizerisch. Meinem Gefühl nach ist es migrantisch. Ich meine festzustellen, dass viele Migrant*innen eine grosse Toleranz im Umgang mit Ambivalenzen haben. Das nimmt viel Druck weg.

Man darf nicht unterschätzen, was für eine Gegenwelt hier erzeugt wird.

Gianluca: Es ist etwas schwer Benennbares, fast Atmosphärisches. Viele sagten uns, man fühle sich an der ASZ anders. Bedingungslos angenommen. Niemand frage, woher man komme und wer man sei.

Annegret: Aber wäre es dasselbe ohne den politischen Anspruch einer anderen Gesellschaft? Ich denke nicht. Ich verstehe ihn als das Unterfutter, das man nicht sieht und das trotzdem alles trägt. Dafür habe ich ein Beispiel, eine Szene aus dem Schulbüro, das von vielen als das Herz der ASZ bezeichnet wird. Man muss sich das so vorstellen: Einer kommt ins Büro, weil er einen Deutschkurs besuchen will. Er spricht erst ganz wenig Deutsch und hat jemanden für die Vermittlung mitgebracht, der es gut kann, vielleicht eine einheimische Person. Hinter dem Tresen steht aber jemand, der selbst radebrechend Deutsch spricht. So geht das nun zwischen den dreien hin und her, läuft der Austausch über die Schule und mögliche Kursstufen, radebrechend, bis alle Fragen geklärt sind. An der Migros Klubschule erlebt man so etwas nicht. - Oder die Schulbürositzung beginnt mit dem Vorlesen der Traktanden und der verschiedenen Anfragen. Das ist zunächst auch eine Leseübung für die Mitarbeitenden. Man sollte es nicht idealisieren, aber darf auch nicht unterschätzen, was für eine Gegenwelt hier erzeugt wird.

Wir stimmen zu. Das ist konkrete Utopie.

Annegret: Ganz viel Learning by Doing. Dinge, die in unserer Alltagswelt nur noch getrennt vorhanden sind, greifen ineinander. Ganze Lebensbereiche. Wir denken, man könne sich das nicht leisten in der normalen Arbeitswelt - und müssen doch fragen: Warum eigentlich nicht?

Zusammenfassend also: Wie funktioniert die ASZ?

Annegret: Ihr kämpft nicht nur für die Idee, ihr lebt sie. Die Tür ist für alle offen. Für alle und mit allen im Sinne der Menschenrechte. Eine abstrakte Vorstellung wird bei euch konkret. Ihr ertragt und erleidet Ambivalenzen und macht dann doch etwas.

Wahrscheinlich spielt auch der Humor eine grosse Rolle. Wir lachen sehr viel ...

Annegret: Ich wurde zuerst mit einem Lachen abgewiesen. Konflikten mit Humor zu begegnen, ist eine unkonventionelle Art von Freundlichkeit. Sie schafft Mehrdeutigkeit. Es bedeutet, dass man wieder kommen kann. Gewisse Leute, jene, die diese Ambivalenz nicht aushalten, treten nicht über die Schwelle. Das schafft vielleicht eine Regulierung. Es kommen Leute zu euch, denen es wichtig ist, etwas Konkretes zu tun. Personen, die das Bedürfnis haben, etwas mitzugestalten.

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