22. 01. 2017 Michael Schmitz

Wir brauchen andere Geschichten!

Rassismus findet auch in den Medien statt – öfter, als man denkt. Er beginnt mit negativen Zuschreibungen. Doch wie kommt es zu Rassismus in den Medien? Eine Diskussion im Zentrum Karl der Grossen ging dem Problem auf den Grund und zeigte konkrete Lösungsansätze.

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«Masse», «Ansturm», Bedrohung: So werden Migration und Migrant*innen in den Medien meist thematisiert, auch im angesehenen Nachrichtenmagazin Der Spiegel (Bild: http://www.politplatschquatsch.com)

Dass Medien eine wichtige Rolle bei der Verbreitung rassistischer Bilder und Stimmungen spielen, ist nichts Neues. An der Veranstaltung, die im Rahmen der Reihe Rassismus in der Mitte der Gesellschaft (siehe Kasten am Ende des Textes) stattfand, zeigten Sheila Mysorekar von den Neuen Deutschen Medienmachern und der Journalist Christoph Keller (Radio SRF 2 Kultur) den Zuhörer*innen im vollbesetzten Saal des Zentrums Karl der Grosse, wie dies genau passiert und was die Hintergründe sind.

Schlechtes Handwerk

«Homogenität ist besser»: So lautet gemäss Mysorekar das zur Zeit dominante Narrativ. In einer solchen Situation können Medien deeskalierend wirken, den Spaltungstendenzen in der Gesellschaft entgegenwirken. Sie können aber auch zur Eskalation beitragen. Dabei spielen politische Bewegungen, welche politisches Kapital aus einer solchen Situation schlagen, eine wichtige Rolle. Sie heizen mit ihren Kampagnen die Stimmung gezielt an.

Als wichtiges Problem in den Medien sieht Mysorekar schlechtes Handwerk, eine mangelnde Auseinandersetzung mit dem Kontext, in den sich ein Artikel stellt. Die Perspektive des Wir und die Anderen dominiert. Meist werden Menschen mit Migrationshintergrund mit Problemen und Klischees verbunden. So werden sie stigmatisiert. Es sei wichtig zu erkennen, dass Rassismus mit negativen Zuschreibungen beginnt.

Tradierte Bilder

Diese Zuschreibungen kommen nicht aus dem Nichts, wie Mysorekar aufzeigt. Sie werden seit Jahrzehnten von Generation zu Generation weitergegeben. Sie sind tradiert. Geändert haben sich nur die Ausdrücke. Man spricht nicht mehr von einem «primitiven Volk», sondern von einer «archaischen Kultur» oder bezeichnet Menschen mit Migrationshintergrund als «integrationsunwillig». In der Berichterstattung über die «Ereignisse von Köln» wurde eine bestimmte  Gruppe – die Nordafrikaner – pauschal sexualisiert und als triebhaft und gefährlich dargestellt. Früher betrafen solche Zuschreibungen Schwarze oder auch Juden. Als nach dem ersten Weltkrieg französische Soldaten – unter ihnen viele Schwarze aus den Kolonien – das Rheinland besetzten, war in Deutschland von der «Schwarzen Schmach» die Rede. Wie ein Jahrhundert später die Nordafrikaner, wurden die Soldaten sexualisiert und als Bedrohung für die Sittlichkeit dargestellt.


Propaganda gegen die Besetzung des Rheinlandes durch Soldaten aus den französischen Kolonialgebieten in Afrika (Bild: Historisches Lexikon Bayerns)

Auch die Bilder der «Masse», des «Ansturms», die Darstellung von Migrant*innen als Bedrohung, Belastung oder als «Problemgruppe» sind nicht erst in den letzten Jahren aufgekommen. Sie finden sich bereits in den Neunzigerjahren auf zahlreichen Titelseiten von Magazinen wie dem Spiegel.  Migrantinnen werden dabei oft in die Opferrolle gedrückt, etwa der unterdrückten islamischen Frau.

Verbale Ausbürgerungen

Mysorekar spricht auch die wichtige Machtfrage an: Mehrheitsverhältnisse seien immer Machtverhältnisse. Warum gibt es immer noch Leute, die sich das Wort «Neger» nicht verbieten lassen wollen? Sie würden ja auch nicht «Schlampe» als allgemeine Bezeichnung für eine Frau verwenden. Durch die Sprache würden Migrant*innen und Menschen mit Migrationshintergrund permanent zu Fremden gemacht, so Mysorekar. Dies komme einer verbalen Ausbürgerung gleich. Dabei gehe es in diesem Diskussionen um politische Korrektheit letztlich nur darum, dem Gegenüber mit Respekt zu begegnen. Beim Wort «Parallelgesellschaft» komme den meisten wohl ein Bild von türkischen Supermärkten und Frauen mit Kopftüchern in den Sinn. Doch was ist mit den Parallelgesellschaften, in denen die Oberschicht lebt, mit ihren exklusiven Clubs und Hobbies? Diese abgeschottete Welt werde in den Medien kaum problematisiert.

Ein Aspekt, der wohl viel mit dem von Mysorekar angesprochenen schlechten Handwerk zu tun hat, ist die Bild-/Textschere. Oft werde ein an sich guter Text mit einem «Symbolbild» illustriert, in dem dann doch wieder die negativen Klischees über Migrant*innen zum Zug kommen. Auf der anderen Seite löste ein Bild einer Frau mit Kopftuch auf dem Cover der Jubiläumsausgabe des Magazins Eltern einen Shitstorm aus: «Normalität als Provokation», so Mysorekar.


Normalität als Provokation: Cover der Zeitschrift Eltern

Die negative Berichterstattung hat Folgen

Die Analyse von rassistischen Bildern in den Medien ist keine diskursanalytische Fingerübung. Die negative Berichterstattung hat Folgen. Mysorekar verweist hierzu auf die Resultate der neuste Mitte-Studie zu autoritären und rechtsextremen Einstellungen in Deutschland. In der deutschen Bevölkerung herrscht ein mehrheitlich negatives Bild des Islam vor. Über 40 Prozent der Befragten sprachen sich bei der Umfrage dafür aus, dass Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werde.

Mangelnde Sensibilität

Mit konkreten Beispielen aus dem Redaktionsalltag illustrierte Christoph Keller von Radio SRF 2 Kultur ein Manko, das er als mangelnde Sensibilität gegenüber dem Thema der Diversität bezeichnet. Als es um die Zusammenstellung einer Diskussionsrunde zur «Masseneinwanderungsinitiative» der SVP ging, waren wie so oft zuerst einmal alle Teilnehmer männlich und ohne Migrationshintergrund. Nun suchte man noch eine Frau, «am besten mit Migrationshintergrund». Dass in dieser Runde auch jemand vertreten war, der von der Annahme der Initiative viel direkter betroffen ist als Menschen ohne Migrationshintergrund, war also für die verantwortlichen Redakteure nur ein zweitrangiges Kriterium. Die mangelnde Sensibilität hat auch tiefer liegende, institutionelle Gründe. So hat am Medienausbildungszentrum (MAZ) noch nie ein Kurs zu Rassismus stattgefunden hat. Um in der eigenen Redaktion Abhilfe zu schaffen, hat Keller eingeführt, dass bei Vorschlägen für Beiträge und Sendungen immer auch die Kategorie Diversität reflektiert werden muss.

Die Perspektive ist wichtig

Keller betonte, dass SRF 2 Kultur viele Geschichten zu den Themen Migration und Rassismus bringe. Doch die Perspektive, aus der diese Geschichten erzählt werden, sei wichtig. Es komme darauf an, ob eine Person Rassismuserfahrung habe oder nicht. In einer Serie über das Zusammenleben binationaler Paare etwa wurde immer die Anpassungsleistung der ausländischen Person problematisiert. Eine Person mit Migrationshintergrund würde diese Geschichte wohl anders erzählen, vermutete Keller. In der aktuellen Medienlandschaft würden meist die «Guten» porträtiert, die es geschafft haben.

Auch für Mysorekar ist die Untervertretung von Migrant*innen und Menschen mit Migrationshintergrund in den Redaktionenein grosses Problem. Wobei zu bedenken ist, wie Mitorganisator Kijan Espahangizi einwirft, dass eine Person mit Migrationshintergrund, die hier aufgewachsen ist, vielleicht auch schon die Perspektive der Mehrheitsgesellschaft übernommen hat.

Positive Beispiele und Lösungsansätze

Mysorekar und Keller beliessen es jedoch nicht bei der Problemanalyse, sondern stellten auch Lösungsansätze vor. Mysorekar ist Vorstandsvorsitzende der Neuen Deutschen Medienmacher, einem Verein von Journalist*innen mit und ohne Migrationshintergrund. Der Verein bietet etwa Coachingprogramme für Journalist*innen im deutschen Exil oder mit Migrationshintergrund an, um ihnen den Zugang zu den grossen deutschen Medienhäusern zu erleichtern. Er gibt in einem Glossar «Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland». Vertreter*innen des Vereins werden ab und zur Blattkritik in Redaktionen eingeladen, etwa bei der Süddeutschen Zeitung oder bei Bild.

Kellers Vorschläge gehen in drei Richtungen:

  1. Die sogenannten «Anderen» müssen ihren Platz in der Qualitätskontrolle der Medien einfordern.
  2. Es soll eine Medien-Beobachtungsstelle gegründet werden
  3. Es braucht andere Geschichten. Differenz soll ohne Verkürzungen dargestellt werden. Es müssen positive Geschichten erzählt werden.

Ein Beispiel für solche anderen Geschichten ist für Mysorekar die Sendung Bake Off der englischen BBC, ein populärer Backwettbewerb, der die Bevölkerung Grossbritannien in all ihrer Diversität zeigt. 2015 wurde der Wettbewerb von Nadiya Hussain gewonnen, einer jungen Frau, die Kopftuch trägt. Sie hat jetzt ihre eigene Kochsendung.


«Rassismus in der Mitte der Gesellschaft»:

In der Veranstaltungsreihe, die bereits seit Oktober 2016 läuft, wird Rassismus auf verschiedene Weise als Realität in der Mitte der Gesellschaft thematisiert. Die letzte Veranstaltung, zu Sinn und Unsinn von Antirassimus-Berichten, findet am 26. Januar im Musiksaal des Stadthauses statt. Berichte von den einzelnen Veranstaltungen sind online verfügbar. Die Reihe ist ein gemeinsames Projekt der Integrationsförderung der Stadt Zürich und GMS Gesellschaft Minderheiten Schweiz, GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, Paulus Akademie Zürich sowie Zentrum Geschichte des Wissens ETH/UNIZH.

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