09. 09. 2017 Burhan Yassin

«Wir haben etwas gemeinsam: unsere Motivation»

Unter den Hunderttausenden, die in den letzten Jahren nach Europa geflohen sind, sind auch viele Journalist*innen. Sie können eine Brücke zwischen den Kulturen sein - wenn sie Zugang zur deutschen Medienlandschaft erhalten.

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«Wir schaffen das», sagte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Aber wer ist «wir»? Der Integrationsplan, den die deutsche Regierung vorgelegt hat, ist kein wechselseitiger Prozess. Sondern er wird nur einseitig auf neu Angekommene angewendet. Ja, wir müssen lernen, «punktlich» zu sein und uns an den stressigen deutschen «Bürokratismus» gewöhnen. Aber es gibt es auch Dinge, an die sich die bisherigen Bewohner*innen Deutschlands gewöhnen könnten.

In einer Stadt wie Berlin ist der Begriff «halal» nicht mehr länger ein Fremdwort. Die meisten Geflüchteten essen kein Schweinefleisch und trinken keinen Alkohol. Nicht nur aus religiösen, sondern auch aus kulturellen Gründen. Viele Deutsche werden den Fastenmonat Ramadan kennenlernen und das Zuckerfest oder Opferfest, genauso so wie die Geflüchteten ihre deutschen Freund*innen zu Weihnachten beglückwünschen.  Die Deutschen sollten dasselbe tun. Denn wir sind eine einzige Gesellschaft.

Wie können sich geflüchtete Journalist*innen integrieren?

Alle diese Themen werden von rechten Medien benutzt, um Islamophobie zu erzeugen. Journalist*innen, die genauso wie Hunderttausende andere nach Europa geflohen sind, können dem entgegenwirken. Doch vorher ist zu fragen, was Europa tun sollte, um es ihnen überhaupt zu ermöglichen, sich zu integrieren.

In Berlin wird etwas ausprobiert, was sich auf andere Länder übertragen lässt: Am 27. und 28. Januar 2017 veranstaltete die Tageszeitung «taz» in Berlin einen Workshop für 16 geflüchtete Journalist*innen. «Der beste Weg, um mit neu Angekommenen zu kommunizieren, ist, durch andere Geflüchtete zu kommunizieren,» erklärte Konny Gellenbeck von der taz.panter-Stiftung das Ziel des Workshops. Doch das war keineswegs das einzige Ziel. Es sei «ein wirklicher Versuch, ein Refugee Media Netzwerk zu gründen, das parallel zu den deutschen Massenmedien verläuft, bevor sich beide Linien kreuzen.»


In einer Stadt wie Berlin ist der Begriff «halal» nicht mehr länger ein Fremdwort.


Aber dieser Idee stehen einige Hindernisse entgegen, nicht nur die Frage: Wie können sich geflüchtete Journalist*innen in die deutsche Medienlandschaft integrieren? Sondern auch: Wie können sie sich gegenseitig integrieren?

«Die Teilnehmer*innen sind verschiedenen Alters und Geschlechts, haben unterschiedliche Religionen, Kulturen, Sprachen, leben an verschiedenen Orten in Deutschland und kommen aus verschiedenen Ländern wie Irak, Syrien, Ägypten, Libanon, Sudan, Südafrika. Einige sind auch Atheist*innen», so Gellenbeck. Ein erster Schritt sei die Verständigung innerhalb des Netzwerk-Teams. «Wir planen nun weitere Veranstaltungen und bleiben mit den geflüchteten Journalist*innen in Verbindung, um ihren Ansatz zu vertiefen.»

Zwischen Kamerun und Deutschland

Frejus Arnaud zum Beispiel hat am taz-Workshop teilgenommen. Seit Dezember 2015 lebt er in Stuttgart, nachdem er Kamerun verlassen hat. Dort arbeitete er bei einer Lokalzeitung. Für Arnaud ist der Zugang zur deutschen Medienlandschaft mit vielen Barrieren versperrt, doch er hat bereits angefangen, sie niederzureissen. Neben der Herausforderung der deutschen Sprache ängstigt ihn seine Situation als Geflüchteter. «Wenn du Flüchtling bist, erhältst du kaum mehr Möglichkeiten, und statt deiner Träume wird die Gefahr der Deportation zur Realität», sagt er. Doch Arnaud gab trotz Sorgen und Hindernissen nicht auf, teilte seine Erfahrung mit anderen Kolleg*innen im Team und beschloss, eine andere Rolle zu übernehmen. Nun vermittelt er das, was er über deutsche Kultur gelernt hat, an Geflüchtete, die seine Muttersprache sprechen.

Frejus Arnaud ist Mitglied von «Refugee Radio». Das Projekt von «Freies Radio für Stuttgart» macht es möglich, in Freiheit in der eigenen Sprache zu senden, sei dies Französisch, Englisch, Arabisch oder Farsi, und über viele Themen zu sprechen, von Musik bis zur Politik. «Für mich ist das Teil der Integration, aber es ist nicht alles. Ich will auch in deutschen Medien aktiv sein», sagt Arnaud. Er hat bisher einige Interviews geführt, mit dem Parlamentspräsidenten von Baden-Württemberg und mit dem Bürgermeister von Stuttgart. Sie haben über die Situation der Geflüchteten diskutiert. Die Diskussion war auf Englisch. Sobald Arnaud Interviews auf Deutsch realisieren kann, wird er ein noch grösseres Publikum erreichen.

Zuerst die Sprache

Ein weiteres Hindernis war der Mangel an weiblichen Teilnehmerinnen am Workshop. Auch Walida Alaabed, taz-Abonnentin, wurde zum Workshop eingeladen. Sie und eine andere syrische Journalistin waren die einzigen zwei Frauen. «Der Workshop hat mir den Mut gegeben, nochmals bei null anzufangen». Walida hat in Syrien als Journalistin gearbeitet, aber in Deutschland scheint ihr nun alles anders als vorher. Die meiste Zeit verbringt sie damit, die Sprache zu lernen. Wie die anderen Journalist*innen im Exil glaubt sie, dass die Sprache der Schlüssel zu allem ist.

Walidas Erfahrung mit deutschen Medien ist kurz, aber produktiv. Sie absolvierte ein Praktikum bei «Qantara» und der Deutschen Welle in Bonn. Die Webseite «Qantara» publiziert Nachrichten auf Arabisch, Deutsch und Englisch. Anlässlich des Theaterstücks «Asyl-Monologe» nahm sie im Mai an einer Podiumsdiskussion in Berlin-Neukölln teil. Dort diskutierte sie über das Netzwerk für geflüchtete Journalisten, das sie lancieren wollten.

Für Walida ist die Idee eines Netzwerks nicht nur ein Ziel, sondern gleichzeitig auch ein Werkzeug. Die Erfahrung des Austauschs zwischen den Beteiligten bringt etwas in Bewegung. «Jeder ist ganz anders als der oder die andere. Wir tragen unterschiedliche Kulturen in uns und leben an verschiedenen Orten in Deutschland, aber wir haben etwas gemeinsam: unsere Motivation», sagt Walida.

Ich bin nähergekommen

Ich selbst teile viel mit Walida und Frejus, aber jeder von uns macht seine spezifischen Erfahrungen. Am 29. April 2017 habe ich im «taz.lab» andere Kollegen des Refugee Media Network getroffen. Es war ein Tag voller Veranstaltungen des meinland-Teams der «taz» in Berlin, zu dem auch ich gehöre. Hier stellten sich an einem Runden Tisch geflüchtete Journalist*innen dem Publikum vor. Christian Jakob von der «taz»  moderierte das Gespräch. Neben mir nahmen zwei Journalist*innen aus Syrien teil, einer aus Bahrain und einer aus der Türkei. Wir alle sind Journalist*innen im Exil. Die anderen vier sind alle Mitglieder des Refugee Media Network. Mein Start als Journalist in Deutschland war im Januar 2017, im Land bin ich seit August 2015.


Es genügt nicht, dass ich die deutsche Sprache verstehe. Ich will auch die Kulturen und die Mentalitäten verstehen.


Eines Tages im Dezember 2016 ersuchte ich bei der KuB – Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrant_innen –, um Rechtsberatung. Über diese Beratungsstelle kam ich zum Projekt taz.meinland. Dass ich noch nicht gut Deutsch sprach, schien mir die erste Herausforderung zu sein, aber es war nicht die einzige. Im Rahmen von taz.meinland organisieren wir Veranstaltungen in ganz Deutschland, um die Meinung der Bürger*innen über die kommende Bundestagswahl zu diskutieren.

Es überraschte mich, dass in Deutschland jedes Bundesland seine eigene Kultur und Tradition und auch seinen eigenen Dialekt hat. Es genügt also nicht, dass ich die deutsche Sprache verstehe. Ich will auch die Kulturen und die Mentalitäten im Land verstehen. So gibt mir die Mitarbeit bei taz.meinland die ausserordentliche Chance, ein Journalist mit zwei kulturellen Hintergründen zu sein.

Der Autor Burhan Yassin wurde 1992 in eine palästinensische Familie geboren. Sein Grossvater musste Palästina im Zug des Kriegs von 1948 verlassen. Seither lebt die Familie im Libanon, lediglich mit einer temporären Aufenthaltsbewilligung für Geflüchtete. Burhan Yassin studierte Journalismus und arbeitete  bei der TV Production Company. Seine Tätigkeit als Journalist übte er illegal aus, ohne Vertrag, weil es Palästinensern in Libanon offiziell nicht erlaubt ist zu arbeiten. Er realisierte Artikel, Reportagen und Recherchen über Rassismus gegenüber Palästinensern. 2014 verliess er den Libanon, nachdem er durch Drohungen in seiner Arbeit als kritischer Journalist behindert wurde. Er verbrachte ein Jahr in Griechenland und lebt seit 2015 in Deutschland.

Übersetzung aus dem Englischen: Martina Läubli

Asyl Deutschland Europa Flucht Integration Medien Journalismus Sprache

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