6. November 2025 Mervan (Name geändert)
Asyl ist ein Konzept, mit dem wir alle auf irgendeine Weise vertraut sind. Für viele ist der Asylprozess die Geschichte einer Reise aus einem Herkunftsland in ein Zielland. Eine Reise, die für diejenigen, die Antrag auf Asyl stellen, mit Schwierigkeiten und Gefahren verbunden ist. Wie aber hallt dieser Prozess im Geist der Antragstellenden wider? In diesem Artikel will ich versuchen zu erklären, wie die Reise für uns abläuft – basierend auf meinen eigenen Erfahrungen und den Erfahrungen vieler Menschen, die ich kenne.
Auf der Strasse
Unterwegs befindet man sich in einer intensiven seelischen Verfassung, in der es stetig um Leben und Tod geht. Der Mensch kann weder über die Realität nachdenken, die zurückgelassen wurde, noch über ein mögliches Leben, das wieder aufgebaut wird. Der Überlebensinstinkt, der allen Lebewesen in existenziellen Krisen gemeinsam ist, verdrängt abstrakte Gedanken über Vergangenheit und Zukunft. Trauer über das Zurückgelassene und Sorgen wegen des Bevorstehenden rücken in den Hintergrund. Der Schmerz des Moments wird mit der Hoffnung gelindert, dass im Zielland Sicherheit und menschenwürdiges Leben wartet. Eine Hoffnung, die sich im ständigen Konflikt mit den Ängsten und Befürchtungen befindet. Eine Hoffnung, die durch die Motivation, zu leben, aufrechterhalten wird. Trotz der Sorgen und Traumata, die man während der Reise erlebt, hält die manipulierte Psyche an der Hoffnung fest.
Wird die Hoffnung aber ausreichen, um auch nach unserer Ankunft im Zielland am Leben festzuhalten? Oder wird sie ihre Funktion verlieren aufgrund der vielen neuen Hindernisse, auf die man stösst?
Asylverfahren: Verlust von Hoffnung und Selbstwert
Asyllager erschüttern die Hoffnung der Antragstellenden ernsthaft. In diesen Lagern, die oft Gefängnissen ähneln, sind die Fenster mit Eisendraht gesichert, um Suizide zu verhindern. Und an den Eingängen wird man bis in die Schuhe hinein kontrolliert. Unter diesen Bedingungen wird die Hoffnung heftig durchgeschüttelt, denn es gibt keine Anzeichen für Erleichterung oder für Kontakt mit der lokalen Kultur. Das Verfahren läuft ohne jegliche emotionale oder menschliche Interaktion ab. Den Antragstellenden wird nur mitgeteilt, dass das Bevorstehende ungewiss sei. Danach werden sie einem Kanton zugewiesen. Die erschütterte Hoffnung wird durch die Vorstellung wiederbelebt, dass nun eine andere Realität bevorsteht. Dennoch bleibt die Trauer über all das, was man durch die Flucht verloren hat, eine emotionale Last, die kaum zu ertragen ist.
Nach einer Wartezeit in den ersten Sammellagern der zugewiesenen Kantone werden die Antragstellenden meist in relativ «hochwertigen» Lagern untergebracht. Die Kantone und Gemeinden kommunizieren spärlich – die Person ist völlig auf sich allein gestellt. Da die Integration für Menschen mit N-Status nicht als Recht anerkannt ist, versinken sie in Unsicherheit und verlieren täglich immer mehr an Selbstwertgefühl. Ihre Geschichten, ihre Erfahrungen, ihre Muttersprachen und die Identität, die sie repräsentieren, verblassen in dieser Einsamkeit allmählich.
Zu diesem Zeitpunkt gibt es praktisch keine Organisation oder Behörde, an die sich die Antragstellenden wenden können. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) veröffentlicht lediglich besorgniserregende Statistiken über die Anzahl der abgewiesenen Asylsuchenden und der Personen, die ihren Antrag zurückgezogen haben. Die Abwesenheit von Gesprächspartner: innen und die Isolation lassen solche politischen Aussagen über Geflüchtete wie direkte Fakten auf die Antragstellenden wirken. Zusätzlich nähren rechtspopulistische Organisationen mit ihrer Anti-Einwanderungs- Agenda die Ängste. Dass das SEM während dieser langen Wartezeit untätig bleibt und somit jegliche Signale für einen positiven oder negativen Entscheid ausbleiben, erschöpft die Antragstellenden. Inzwischen sind sie weit davon entfernt, selbst zu existieren. Sie werden ihrer essenziellsten Bedürfnisse beraubt, ihr Selbstwertgefühl ist am Boden.
Ich muss zugeben, dass das bisher Geschriebene unvollständige Beobachtungen darüber sind, was es bedeutet, Antragstellende: r zu sein. Der eigentliche Grund, wieso ich diesen Artikel mit diesen Beobachtungen begonnen habe: Ich wollte die Diskrepanz zwischen der individuellen mentalen und der makropolitischen Wahrheit, die die globale Vertreibung bewirkt, untersuchen. Die Analyse der globalen wirtschaftlichen Konflikte, der transnationalen historischen Ungleichheiten und der Eigentumsstrukturen, die die Grundlage unserer Gesellschaft bilden, würde jedoch eine viel tiefere Untersuchung erfordern. Deshalb will ich folgend auf die Auswirkungen der tiefen Isolation, in der wir uns befinden, fokussieren.
Wer wir wirklich sind
Wir sind gezwungen, ohne einen privaten Raum zu leben, ohne zu wissen, wann wir unsere Familien und Freund:innen wiedersehen werden. Mit jedem Tag, der verstreicht, fühlen wir uns durch die Nichtanerkennung des Systems wertloser und geraten in einen irrationalen Kreislauf der Depression. Wir haben alle unsere Hoffnungen für das Leben in Taschen gepackt – und werden jetzt Zeug:innen davon, wie diese Taschen in Stücke gerissen werden. Diese Erfahrungen greifen Tag für Tag unsere Seele an. Und am Ende sind wir gezwungen, eine systematische «Verfolgung» zu ertragen, die mit uns selbst nichts zu tun hat und für die wir scheinbar niemanden verantwortlich machen können.
Das «Migrationsproblem» ist ein irreales Problem, das im Interesse nationalistischer Politiker: innen in den Köpfen der Wählerschaft verankert wird. Das Hauptproblem für uns – und für jeden Menschen auf der Welt, der die Fähigkeit besitzt, zwischen Wahrheit und Lüge, richtig und falsch, Propaganda und Realität zu unterscheiden, und den Mut hat, diese Fähigkeit einzusetzen – ist die Normalisierung dieses nicht-normalen Zustands. Überall auf der Welt werden wir verdrängt und dazu gezwungen, unser Leben an neuen Orten wiederaufzubauen. Es geht darum, sich gegen diejenigen zu wehren, die von uns erwarten, dass wir uns das Leben aneignen, das uns mit den Worten «Sei dankbar dafür!» vor die Füsse geworfen wird.
Entgegen aller Bemühungen unsere Stimmen zu unterdrücken und uns zu übersehen, steht dieser Artikel sowohl für meine eigenen Gefühle als auch für die Gefühle tausend anderer, die die gleiche Situation erlebt haben. Wir sind diejenigen, die von ihrer eigenen Stimme und Subjektivität getrennt sind, die zum Schweigen gebracht werden. Diejenigen, denen bei jeder Gelegenheit gesagt wird: «Ihr seid in einem sicheren Land, nicht dort, von wo ihr geflohen seid, also solltet ihr glücklich sein.» Obwohl wir jeden Tag von der rosaroten Lüge, die sich Menschenrecht nennt, verletzt werden, sind wir dazu verurteilt, im Herzen einer Gesellschaft zu leben, die uns ausschliesst. Es geht dabei über fehlende Unterschriften auf Dokumenten und geschlossene Grenzen hinaus. In uns wächst ein tiefer Abgrund – als Spiegelbild einer Ordnung, die Menschenwürde missachtet.
Meine Unfähigkeit, die Worte der Hoffnung, die ich am Ende jedes Artikels zu schreiben pflege, zu formulieren, sind leider auf die Tiefe dieses Abgrunds in meiner eigenen Seele zurückzuführen. Und trotzdem grüsse ich alle, die diesen Artikel lesen, mit der Kraft der Solidarität und des gemeinsamen Kampfes.