21. September 2026 Anonym

Eingewöhnung in der Schweiz

Ich würde sagen, dass ich ein ganz gewöhnlicher Mensch bin. Ich habe Träume, Ängste, Wünsche und Hoffnungen für meine Zukunft. Ich will lernen, arbeiten, lachen, Freunde finden und einfach in Sicherheit leben. So wie vermutlich jede junge Frau in meinem Alter.

Mein eigener Weg war nicht einfach. Als ich begann, Deutsch zu lernen, konnte ich mit der Grammatik überhaupt nichts anfangen. Neue Wörter zu lernen hat mir hingegen grosse Freude bereitet. Jedes neu gelernte Wort fühlte sich für mich wie ein kleiner Sieg an. Ich erinnere mich noch gut an diese Momente im Supermarkt: Wenn ich den Namen eines Produktes richtig ausgesprochen und das Verkaufspersonal mich verstanden hatte, machte mich das im Anschluss über mehrere Tage hinweg sehr glücklich. Diese kleinen Erfolge im Alltag machten mir Mut und motivierten mich, immer weiterzumachen.

Die Zeit der Anpassung ist meiner Meinung nach die schwierigste Phase. Jeder erlebt diese Zeit anders. Für mich war die Sprachbarriere besonders schwierig. Ich bin von Natur aus ziemlich schüchtern. Ein Gespräch zu beginnen, kostet mich auch in meiner Muttersprache viel Überwindung. Oft fühlt es sich an, als ob ich einen Kloss im Hals hätte, während mein Herz schneller zu schlagen beginnt. Dann ist es für mich manchmal fast unmöglich, überhaupt etwas zu sagen. Trotz allem kämpfe ich jeden Tag gegen meine Unsicherheit an. Und ich bin sehr dankbar für die vielen Menschen in der Schweiz, die mir mit Geduld und Freundlichkeit begegnen. Wenn jemand zu mir sagt: «Keine Sorge, Sie sind nicht die Einzige, die Angst hat, Fehler zu machen», gibt mir das Kraft. Am Ende geht es nie nur um Sprache. Es geht um gegenseitiges Verständnis, Respekt und Menschlichkeit.

Als ich in der 9. Klasse war, hat der Krieg in der Ukraine begonnen. Mit meiner Mutter und meiner Grossmutter bin ich in die Schweiz geflüchtet. Das war vor ziemlich genau vier Jahren. In der Schweiz habe ich dann meinen ukrainischen Schulabschluss online nachgeholt. Nun bin ich auf der Suche nach einer Lehrstelle. Ich konnte auch schon einen Schnuppertag machen. Mir wurde dann aber gesagt, dass ich zuerst besser Deutsch lernen müsse, um die Lehrstelle antreten zu können.

Diese Rückmeldung habe ich seither immer wieder bekommen, wenn ich mich für eine Lehrstelle beworben habe. Man sagt mir zwar immer wieder, wie gut ich arbeiten würde und dass ich eine wunderbare Person sei, aber ich komme mir dann jeweils schon etwas dumm vor, weil es trotzdem nicht klappt. Es macht mich traurig, auch deshalb, weil ich registriere, dass sich manche Leute grosse Mühe machen, mir etwas auf Deutsch zu erklären, und ich dann spüre, wie es mein Gegenüber auch traurig macht, weil ich es trotz aller Bemühungen nicht verstehe. Ich lerne weiterhin jeden Tag fleissig Deutsch und versuche, mich im Alltag an den kleinen Siegen, die ich erringe, zu orientieren.

Die Leute in der Ukraine leben im Moment, sie denken nicht an morgen, weil sie nicht wissen, ob es noch ein Morgen gibt. Mich macht es manchmal traurig, wenn ich in der Schweiz Menschen sehe, die betrübt sind. Ich verstehe nicht, wie man betrübt sein kann, wenn man ein Leben lebt, in dem es noch ein Morgen gibt.

Zu Beginn des Krieges hatten wir noch Hoffnung, bald wieder zurückzukehren. Heute aber ist für viele klar, dass wir hierbleiben werden. Ich jedenfalls sehe meine Zukunft in der Schweiz. Ich möchte nichts weiter als meinen Platz in der Gesellschaft, im Leben finden. Ich möchte meiner Berufung nachgehen, mich als Teil eines Ganzen fühlen können, und nicht bloss als «Ausländerin». 

Artikel mit ähnlichen Themen:
Loading ...