3. Juni 2024 Muhammad (Name geändert)

Ausgeliefert

Muhammad erlebt auf seiner Flucht Hass und Gewalt. Die Hoffnung verliert er aber erst, als die Schweizer Behörden nur ein Schulterzucken dafür übrig haben. 

Es war Nacht geworden. Ich hatte Hunger und mein Mund war ausgetrocknet. Ich hatte nach Wasser gefragt, bekam aber nicht mal das. Während ich so da lag, auf dem kalten, harten Steinboden in einem leeren Zimmer irgendwo in Kroatien, rekapitulierte ich, wie ich dort gelandet war.

Ein paar Stunden zuvor hatten wir die Grenze von Bosnien-Herzegowina überquert. Nach zwei oder drei Stunden zu Fuss tauchten plötzlich Polizisten auf. Acht, vielleicht neun von ihnen bauten sich vor uns auf, beschimpften uns, warfen uns zu Boden und schlugen uns.

Ein Schlag … zwei ... drei ... vier …

Einer der Polizisten schlug mich, wie ich noch nie in meinem Leben geschlagen worden war, und deckte mich mit Schimpfwörtern zu. Einige verstand ich, andere nicht – worüber ich ehrlich gesagt froh war. Was hatten wir getan, dass diese Menschen einen solchen Hass gegen uns empfanden?

Sie fuhren uns zur Wache, wo sie mich allein in dieses kalte Zimmer sperrten. Wo die anderen waren, wusste ich nicht. Ich lag nun da in der Dunkelheit und bewegte mich nicht, denn mein Körper schmerzte noch immer von den Schlägen.

Vor meiner Flucht lebte ich in Afghanistan. Ich arbeitete in einer Videothek und brachte mir mit Youtube-Videos Englisch bei. Mit meiner Familie wohnte ich in der Stadt Herat im Westen des Landes, nahe der Grenze zum Iran. Ich denke gerne an die Zeit zurück, an die feinen Speisen meiner Mutter, an die urkomischen Geschichten meines Vaters. Doch als die Taliban an die Macht kamen, hörte er auf Geschichten zu erzählen.

Der Ehemann meiner Schwester war Polizist, bevor die Taliban das Land übernahmen. Weil ich viel mit ihm zu tun hatte, verdächtigten sie mich, mit der alten Regierung zu kollaborieren. Die Situation wurde zunehmend gefährlich – und wenn ich geblieben wäre, hätte ich meine Familie gefährdet. Ich verliess Afghanistan Richtung Westen, floh in den Iran, dann in die Türkei. Da blieb ich einige Monate und arbeitete, um die Weiterreise zu finanzieren. Schliesslich setzte ich meine Flucht in einer Gruppe fort. Sechs Mal prügelten uns Grenzbeamten zurück in die Türkei. Erst beim siebten Mal gelang uns die Überquerung nach Griechenland.

So landete ich in Kroatien, wo ich meine erste Nacht auf dem Polizeiposten verbrachte. Ich lag noch immer auf dem Boden, als es draussen langsam heller wurde. Am Morgen schlossen die Beamten die Tür auf, und ich durfte das Zimmer verlassen. Ein Polizist befahl mir, meine Fingerabdrücke abzugeben. Ich weigerte mich, denn ich verstand nicht, wozu. Die Beamten waren nicht daran interessiert, mir das zu erklären – und ein Nein akzeptierten sie erst recht nicht. Sie nahmen schliesslich meine Hand und zwangen mich zur Abgabe meiner Fingerabrücke. Meine Gegenwehr war nutzlos.

Ich erhielt eine schriftliche Wegweisung, musste Kroatien innert sieben Tagen verlassen. Sie steckten meine Weggefährten und mich wieder in einen Polizeiwagen und luden uns an einem Bahnhof ab. «Verschwindet», sagten sie, «sonst schaffen wir euch eigenhändig nach Afghanistan aus!» Wir hatten keine Orientierung und warteten, bis irgendwann ein Zug hielt, der Richtung Zagreb fuhr.

Als ich schliesslich in die Schweiz kam und meinen Asylantrag einreichte, war ich voller Hoffnung. Dieses Land war für mich der Inbegriff der Menschenrechte. Es konnte deshalb doch nicht zulassen, dass ich in ein Land zurückgeschickt werde, wo mein Leben in Gefahr ist. Ein paar Tage lang war ich erfüllt von der Hoffnung, dass ich hier ankommen durfte. Doch es kam anders. Die Behörden fanden meine Fingerabdrücke in einer Datenbank. Sie sagten mir, die Schweiz sei nicht zuständig für mich, sondern Kroatien.

Gegen den Entscheid der Behörden habe ich mit Unterstützung der Freiplatzaktion Zürich Beschwerde eingereicht. Während ich auf den Gerichtsentscheid warte, wohne ich in der Notunterkunft Rohr in Glattbrugg, wo Menschen darauf warten, ausgeschafft zu werden. Ich habe den Behörden über Afghanistan und die Flucht berichtet. Ich habe ihnen von den Demütigungen und der Gewalt durch die kroatischen Polizisten erzählt, von meiner Angst, dass sie mich nach Afghanistan deportieren würden. Aber für die Schweizer Behörden zählt nur, dass sie mich loswerden.

Ich fühle mich gefangen. In einem System, das keine Menschlichkeit kennt. Ich denke viel an meine Familie: Sie sind in Afghanistan und nun auch auf der Flucht. Ich will ihnen helfen, sie in ein sicheres Land bringen. Aber ich kann nichts machen – das ist das Schlimmste! Die wenigen Tage in Kroatien waren traumatisierend. Aber ich wurde wenigstens von der Hoffnung getragen, dass ich irgendwann in ein sicheres Land wie die Schweiz kommen könnte, dass es irgendwie weitergehen würde.

An der ASZ lerne ich Deutsch und Englisch. Damit versuche ich mich von meiner belastenden Situation abzulenken. Aber ich bin ständig in Sorge, kann mich schlecht konzentrieren. Neuerdings verliere ich meine Haare. Meine Psychologin hat mir Beruhigungspillen verschrieben, doch oft helfen auch die nicht, und ich stürze wieder in ein tiefes Loch.

Was passiert mit meiner Familie? Warum interessiert sich niemand für das Schicksal von Geflüchteten? Wo ist die Menschlichkeit geblieben?

Ich bin gefangen. Polizisten. Schläge, die unheimlich wehtun. Der kalte Boden. Die Kälte ist überall. Auch in mir. Ich finde mich selbst nicht mehr.

Und alles dreht sich.

Alle schauen weg. Ich werde wegadministriert. Eine Nummer, kein Mensch. Noch immer auf der Flucht – vor Gewalt, vor Gleichgültigkeit, vor meinen Gedanken.

Und ich falle. Rückwärts.

(Aufgezeichnet von Souri Thalong)


Dublin-Rückführungen nach Kroatien

Für die Bearbeitung eines Asylantrags ist gemäss der Dublin-III-Verordnung jener Staat zuständig, über den Flüchtende als erstes in den Schengenraum einreisen. Vertragsstaaten wie die Schweiz dürfen trotzdem auf Asylgesuche eingehen – etwa, wenn die Ausschaffung in das Ersteinreiseland nicht zumutbar ist.

Mehrere Beschwerden gegen Entscheide des SEM, Geflüchtete nach Kroatien auszuschaffen, wurden in den letzten Jahren gutgeheissen. Schliesslich räumte das Bundesverwaltungsgericht in einem Referenzurteil vom 22. März 2023 ein, dass kroatische Behörden «mit hoher Wahrscheinlichkeit » illegale Pushbacks und gewalttätige Übergriffe praktizieren würden. Es kam aber trotzdem zum Schluss, dass Menschen, die durch ein Dublin-Verfahren überstellt würden, ordentlichen Zugang zum kroatischen Asylverfahren erhielten und die Aufnahmebedingungen vertretbar seien. Rückführungen nach Kroatien seien darum zulässig.

Verschiedene Organisationen – u. a. Solidarité sans frontières (SOSF), Amnesty International oder die Schweizerische Flüchtlingshilfe – kritisieren die Praxis scharf. In einer Recherche des Onlinemagazins «Das Lamm» vom Januar 2024 berichteten Betroffene von traumatisierten Kindern, die ihren Familien entrissen wurden, massiver Gewalt durch Beamt:innen und Unterkünften voller Kakerlaken. In einem Bericht aus dem Jahr 2021 zeigte sich auch das Europäische Komitee zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe (CPT) besorgt über die Polizeigewalt gegen Geflüchtete in Kroatien.

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