29. April 2026

Bewegungsfreiheit für Alle

Für Bewegungsfreiheit, gegen Zwangsausschaffungen: Am 13.12. versammelten sich Demonstrierende vor dem Migrationsamt in Oerlikon zur Kundgebung «Freedom of Movement for All». Sie machten deutlich, dass sie das rassistische und repressive Asyl- und Migrationssystem nicht akzeptieren und sich mit den Widerständen in den Ausschaffungsknästen solidarisieren.

Verschiedene Redner*innen erzählten an der Kundgebung von ihren Erfahrungen. Auszüge aus drei Reden haben wir hier abgedruckt. Was fehlt, sind die Stimmen der vielen Menschen, die inhaftiert sind oder ausgeschafft wurden. 


(Du möchtest dort weiterlesen, wo der Text in der gedruckten Zeitung endet? Hier klicken.)


Black Spider

Diese Rede konnte aus Krankheitsgründen nicht an der Kundgebung gehalten werden. 

Ich bin ein Weltbürger. Ich gehöre keinem sogenannten Land, und kein Stück Erde soll Anspruch auf mich erheben. Denn ich habe weder meinen Geburtsort gewählt noch meine Hautfarbe noch mein Geschlecht. All das wurde von der Natur entworfen, ohne uns zu fragen – und wenn es so bestimmt war, warum wurden wir dann überhaupt geboren?

Ich bin ein Weltbürger. Ich bin kein Fremder auf dieser Erde – ich gehöre hierher. Ich war da, lange bevor der Drang zu erobern, erschaffen und dem Menschen als rechtmässige Bildung verkauft wurde.

Ich bin ein Weltbürger. Als du noch ein unbestimmtes Sehnen im Nebel warst, fand auch ich mich dort – als ein unsicherer Wunsch. Wir suchten einander, und aus unserem Verlangen erhoben sich unsere Träume. Und Träume kennen keine Zeit und keine Grenzen im Raum.

Ich bin ein Weltbürger. Warum also eine Begrenzung meines Rechts, mich zu bewegen? Eine Welt mit Grenzen ist eine Welt voller Irrtümer.

Lasst das Alarmphone, den Seabird und den Moonbird über Meere und Ozeane fliegen, denn sie bauen Brücken und verbrennen sie nicht im Morgengrauen.

Kein FRONTEX. 


Helen Teklehaimano: Allein angekommen – und doch nicht erklärt

Ich kam mit dreizehn Jahren allein aus Eritrea in die Schweiz. Ich war ein Kind auf der Suche nach Sicherheit – und fand mich plötzlich in einer Welt wieder, die streng, still und voller verschlossener Türen war.

Als ich ankam, erklärte mir niemand, was mit mir passieren würde. Ich wurde von einem Raum in den nächsten geführt, von einem Interview zum nächsten. Jedes Mal musste ich über Dinge sprechen, die ich selbst kaum verstanden oder verarbeitet hatte: meine Vergangenheit, meine Angst, meine Flucht.

Es gab keine psychologische Begleitung, niemand sagte mir: «Du bist jetzt sicher. Wir erklären dir, warum wir diese Fragen stellen.»

Innerhalb von neun Monaten musste ich meine Geschichte dreimal erzählen. Immer wieder dieselben Fragen. Immer wieder dieselben Wunden. Ich war verwirrt, einsam und verstand nicht, warum ich mich ständig rechtfertigen musste – warum ich beweisen sollte, dass ich wirklich aus Eritrea komme und dass meine Geschichte wahr ist.

Erst später begriff ich, was diese Interviews bedeuteten: Sie entschieden darüber, ob ich bleiben durfte, ob ich Schutz bekam, ob aus einem Flüchtlingskind ein Kind mit Zukunft werden konnte.

Doch die Art, wie diese Gespräche geführt wurden, war schwer – besonders für Minderjährige. Es fehlte an Erklärung, an Sensibilität und am Bewusstsein, dass Worte auch verletzen können.

Als ich später im Flüchtlingsheim lebte, wurde mir klar: In der Schweiz sicher zu sein, bedeutet nicht automatisch, dazuzugehören. Die Menschen wirkten distanziert, manchmal unsicher, oft einfach mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Wir Flüchtlinge standen daneben – nicht gesehen, nicht angesprochen, nicht wirklich gemeint.

Ich ging zur Schule, doch sie bestand fast nur aus anderen Flüchtlingen. Menschen wie ich, die die Sprache nicht kannten und die Gesellschaft nur von aussen beobachten konnten. So entsteht keine Integration. So lernt man die Schweiz nicht kennen. So bleibt man eine Aussenseiterin – auch wenn man dazugehören möchte.

Alles war fremd: die Sprache, die Art, wie Menschen sich begrüssen, miteinander sprechen und leben. Oft fragte ich mich, wie ich Teil dieser Gesellschaft werden soll, wenn mir niemand zeigt, wo mein Platz sein könnte.

Heute wünsche ich mir eine Schweiz, die sensibler ist – für Kinder, die allein ankommen, für Jugendliche ohne Stimme und für Menschen, die alles verloren haben.

Ich wünsche mir, dass Interviews nicht nur Prüfungen sind, sondern Begegnungen. Dass Integration nicht nur ein Wort bleibt, sondern eine echte Brücke bildet.

Denn Integration beginnt nicht erst, wenn wir perfekt Deutsch sprechen oder schweizerische Gewohnheiten übernehmen. Sie beginnt dort, wo Menschen zuhören, erklären und zeigen: Du darfst hier sein. Du darfst Teil von uns werden. 


Sahmaran Collective

Hello, I am here today on behalf of the Sahmaran Collective. I am here to raise our voices against national borders. And I am here to judge the migration office. 

We are a solidarity network established for trans and queer migrants and refugees from the Middle East, Kurdistan, Turkey, and the Caucasus. The very fact that we needed to establish this collective demonstrates that discriminative practices, racism, transphobia, and queerphobia exist in Switzerland. The migration office has now adopted an attitude that violates international protection and asylum rights. And everyone needs to hear this truth.

The duty to provide a decent life, which is the responsibility of the state apparatus and the migration office, has been left to collectives like ours. 

We must ask why the migration authorities have adopted an attitude that supports inequality and injustice. But first, we must ask why national borders exist. Only then, we can understand why people are kept in deportation camps.

Once Oscar Wilde said, “The true mystery of the world is the visible, not the invisible.”

Why would a person leave their homeland, family, and loved ones behind to seek refuge in a new country? Why would a person risk their life, choosing to become a target for gangs roaming the EU borders? Why would they risk being lost in the Mediterranean or international waters? Why would they embark on this journey through mountain paths and forests, despite the risk of harassment, sexual violence, and torture?

Would you do it if you were in their shoes? Would you flee to the dark borders of European civilization? Would you risk your life to gain your humanity?

I remember the first time I heard the story of the illegal mobs and camps along the borders of Europe. The harsh truth of the outskirts of the “civilised” world? I remember how I felt when I heard about the piles of bags, clothes and shoes without their owners in the backyards of those camps. I remember the first thing I visualised was from a movie, Schindler’s list.

So the historical heritage of the continent’s genocides, witch hunts, tortures, murders and sexual attacks can be seen live at the borders, not in museums. How legal and illegal mobs are shaping the frontiers of the civilised world with their arms. 

For those who make the road and are able to request an asylum for their life, another struggle begins. You will be questioned and judged like a criminal. It is a common practice in Switzerland to reject the asylum applications. 

Even if you are a trans woman who was able to survive on the streets as a homeless child, even if your life is threatened by your own family or society, even if you get attacked by your landlord or neighbours. Even your friends have been murdered, then mocked by the media. Still, you may not be eligible to have an asylum to save your life. Yes, you may be rejected. Migration office will tell that you don’t deserve protection, you don’t deserve a second chance. You don’t deserve a life, even a life as a refugee. And they will drop you like a bomb into the war zone where you came from. For years and years we all feed with the propaganda of free trade, about international agreements and laws about how to open borders for commercial goods. So yes, a commercial package has more freedom than people. So, if you have a price tag on your body, you will be more free than a human. As your clothes have more freedom than yourself. If you think this is a coincidence, I can assure you it’s not. This is by design.

I wish everyone were aware of this. And I hope everyone is aware that we are a part of this design. And I wish everyone would have the courage to fight against this. Even if it means losing our privileges that have been given by authorities. Freedom is not possible without facing the system we are part of.

One of the most fascinating facts of our times is that we are witnessing the highest number of people living in slavery in history. A report by ILO (International Labour Organization, editor’s note) says that 50 million people were living in modern slavery. This means nearly one of every 150 people in the world is a slave. One wonders, who might be the slave owners?

We all need to face the reality behind the image of Switzerland, renowned for its direct democracy and justice system. Unfortunately, this confederation shifted its compass in another direction under the influence of right-wing groups. A war has been declared on immigrants and refugees.

We all need to choose our side. There’s no salvation alone.

“Comrade, only slaves can free you. 
Everything or nothing. All of us or none.”

Merci. 

*****
Deutsche Übersetzung der Rede vom Sahmaran Collective:

Hallo, ich spreche heute im Namen des Sahmaran Collective. Wir erheben unsere Stimmen gegen nationale Grenzen. Ich bin heute hier, um das Migrationsamt zu verurteilen.

Wir sind ein Solidaritätsnetzwerk, das sich für die Rechte von queeren und trans Migrant*innen aus dem Nahen Osten, Kurdistan, der Türkei und dem Kaukasus einsetzt. Allein die Tatsache, dass wir dieses Kollektiv gegründet haben, zeigt, dass diskriminierende Praktiken, Rassismus, Trans- und Queerfeindlichkeit auch in der Schweiz herrschen. Das Migrationsamt missachtet in seiner Arbeit internationale Schutz- und Asylrechte. Die Wahrheit muss ans Licht kommen.

Die Verantwortung, allen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, liegt beim Staatsapparat, zu dem das Migrationsamt gehört. Doch nicht sie nehmen die Verantwortung wahr, sondern Kollektive wie unseres. 

Weshalb legen die Migrationsbehörden ein Verhalten an den Tag, das Ungleichheit und Unrecht fördert? Zuerst müssen wir uns aber fragen: Wieso gibt es überhaupt Landesgrenzen? Erst dann verstehen wir, wieso Menschen in Abschiebelager gehalten werden.

Oscar Wilde sagte einst: «Das wahre Geheimnis der Welt ist nicht das, was wir sehen, sondern das Unsichtbare.»

Warum sollte eine Person freiwillig ihre Heimat, Familie, ihre Liebsten zurücklassen, um in einem fremden Land Schutz zu suchen? Wieso sollte sie ihr Leben riskieren und dabei zur Zielscheibe von Banden werden, die an der EU-Grenze umherstreifen? Warum sollte sie es riskieren, im Mittelmeer oder in anderen internationalen Gewässern zu verschwinden? Warum sollte sie einfach so zu einer Reise über Berge und durch Wälder aufbrechen trotz des Risikos, Opfer von Belästigung, sexualisierter Gewalt und Folter zu werden?

Würdest du das tun, wenn du in ihren Schuhen stecktest? Würdest du zu den dunklen Grenzen der europäischen Zivilisation fliehen? Würdest du dein Leben riskieren auf der Suche nach Menschenwürde?

Ich erinnere mich daran, wie ich das erste Mal von illegalen Mobs und Camps an den Grenzen Europas hörte. Ist das die brutale Realität an der Peripherie der «zivilisierten» Welt? Ich erinnere mich daran, was es in mir auslöste, als ich von den verwaisten Taschen, Kleidern und Schuhen hörte, die sich in den Hinterhöfen der Camps stapeln. Ich erinnere mich daran, wie ich die Szenerie vor dem inneren Auge sah: wie aus dem Film «Schindlers Liste».

Das historische Erbe dieses Kontinents – Genozide, Hexenjagden, Folterungen, Morde und sexuelle Gewalt – kann live an den Grenzen betrachtet werden, dafür braucht es keinen Museumsbesuch. Dort wird sichtbar, wie legale und illegale Mobs die Grenze der zivilisierten Welt mit Waffen aufziehen.

Alle, die es schaffen, einen Asylantrag zu stellen, erwartet ein weiterer Kampf. Du wirst wie ein krimineller Mensch verhört. Es ist gängige Methode in der Schweiz, Asylanträge abzulehnen. 

Selbst wenn du eine trans Frau bist, die als obdachloses Kind auf den Strassen überlebt hat, selbst wenn deine eigene Familie und Gemeinschaft dein Leben bedroht, selbst wenn dich dein Vermieter und deine Nachbar*innen angegriffen haben. Selbst wenn deine Freund*innen ermordet und danach von den Medien verspottet wurden. Selbst dann könntest du nicht berechtigt sein, Asyl zu erhalten. Ja, du könntest abgelehnt werden. Migrationsämter werden dir mitteilen, dass du keinen Schutz, keine zweite Chance verdienst. Dass du kein Leben verdienst, nicht mal als Geflüchtete*r. Sie werden dich wie eine Bombe ins Kriegsgebiet werfen, aus dem du geflohen bist.

Über Jahre wurden wir mit der Propagandaerzählung des freien Marktes, der internationalen Abkommen und Gesetze für Freihandel gefüttert. Ja, eine Warensendung hat mehr Bewegungsfreiheit als ein Mensch. Wenn du ein Preisschild an dir trägst, hast du mehr Freiheit als ein Mensch. Deine Kleidungsstücke haben mehr Freiheit als du selbst. Wenn du das für Zufall hältst, dann irrst du dich. Das ist Absicht.

Ich wünschte, alle wären sich dessen bewusst. Und ich hoffe, dass alle wissen, dass sie Teil dieses Konstrukts sind. Ich wünschte, wir alle hätten den Mut, dagegen anzukämpfen. Auch wenn das bedeutet, dass wir unsere beschränkten Privilegien verlieren, die uns von den Behörden gewährt wurden. Freiheit ist nicht möglich, ohne dem System gegenüberzutreten, dem wir angehören. 

Eine der faszinierendsten Tatsachen unserer Zeit: Wir sind Zeug*innen der höchsten Zahl versklavter Menschen in der Geschichte. Gemäss einem Bericht des ILO (Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen, Anm. d. Red.) leben 50 Millionen Menschen unter moderner Sklaverei. Das heisst, eine von 150 Personen ist von Sklaverei betroffen. Ich wundere mich, wer die Sklavenhalter*innen sind. 

Wir alle müssen uns der Realität hinter dem Ruf der Schweiz, bekannt für ihre direkte Demokratie und ihr Justizsystem, stellen. Leider hat diese Konföderation inzwischen ihren Kompass nach Rechtsaussen-Gruppierungen ausgerichtet. Ein Krieg gegen Migrant*innen und Geflüchtete wurde ausgerufen.

Wir alle müssen entscheiden, auf welcher Seite wir stehen. Die Erlösung kommt nicht einfach so.

«Sklaven werden dich befreien.
Keiner oder alle. Alles oder nichts.»

Merci.

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