5. Juli 2026 Hüseyin Edemir

Das Familientreffen

Als in Syrien die neue Führung an die Macht kommt, muss unser Protagonist fliehen – und seine Liebsten zurücklassen. Nach der monatelangen Trennung macht er sich endlich auf, um sie am Flughafen in Empfang zu nehmen.

Ich heisse Haider. Ich bin ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler von der syrischen Küste und Papa von drei Kindern, inzwischen sogar Grossvater von den zwei Lieblingspuppen meiner Töchter. Für blinde Kinder bin ich Lehrer geworden, um ihnen die Welt ein wenig zu beleuchten. Damit ich allen Kindern eine Freude bereiten kann, habe ich nebenbei auch das Handwerk des Spielzeugreparateurs erlernt. Bei der Hausarbeit bin ich faul. Ausserdem bin ich oft ungeduldig und manchmal stur wie ein Ziegenbock.

Heute Morgen bin ich sehr früh aufgewacht, in einer Stadt im Nordwesten Deutschlands. Mein Herz voller Sehnsucht und Aufregung. Heute ist ein besonderer Tag. Nach einem Jahr, vier Monaten und sechzehn Tagen der Trennung werde ich endlich meine Liebsten wieder in die Arme schliessen können, meine Kinder und meine Frau. Ich habe meine beste Kleidung angezogen, einen wunderschönen Blumenstrauss gekauft und mich voller Vorfreude auf den Weg zum Flughafen gemacht.

Sehr lange habe ich auf diesen Moment gewartet. Seit ich den Antrag auf Familiennachzug stellte, kurz nachdem mein Asylverfahren in Deutschland begonnen hatte. Die Behörden hier haben viel zu tun, nicht wahr? Für mich ist es ein lange ersehntes Familientreffen, aber für den Staat heisst das «Familiennachzug ». Doch das spielt heute keine Rolle mehr. Das Warten ist vorbei. Heute werden wir uns endlich wiedersehen!

Viele Menschen in Deutschland wundern sich und fragen mich immer wieder, warum und wie ich geflohen bin. Die Neugier kann ich verstehen, deshalb erzähle ich es.

Als Assads Regierung stürzte, übernahm die Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS) die Macht – eine Bewegung, die aus dschihadistischen Gruppen besteht und international als Terrororganisation gilt. Ihr Anführer, einst für einen grossen Geldbetrag zur Fahndung ausgeschrieben, wurde plötzlich als Präsident anerkannt. Für viele von uns war es schwer zu begreifen, wie sich die Welt so schnell verändern konnte. Wie von Zauberhand wurde ein Islamist in einen ernstzunehmenden Politiker verwandelt.

Nur acht Tage, nachdem die neue Regierung ihr Amt angetreten hatte, wurde ich entlassen. Als Lehrer traf mich das besonders hart. Ich dachte daran, den kleinen Laden, in dem ich freiwillig Spielzeug für Kinder reparierte, zu vergrössern und neu gegen Bezahlung zu reparieren, um meine Familie weiterhin ernähren zu können. Wir waren erschöpft von 13 Jahren Krieg, Gewalt und Armut. Und jetzt würde alles noch schwieriger werden.

Meine liebe Frau verabschiedete mich mit einem Lächeln von zu Hause. «Bis jetzt warst du Beamter, versuch es doch einmal mit deiner eigenen Arbeit», sagte sie scherzend. Sie hatte recht. An einem sonnigen Tag, der in Latakia den Frühling ankündigte, ging ich hin und öffnete meine kleine Spielzeugwerkstatt. In diesem vier Quadratmeter grossen Raum wurden vor meinen Augen Erinnerungen wach: an das erste Spielzeug, das ich je repariert hatte – den roten Lastwagen meines Neffen. Stundenlang hatte ich damals daran gearbeitet. Doch das Glück in den strahlenden Augen meines Neffen war mehr wert als all meine Mühe — das war der schönste Lohn, den ich je bekommen hatte.

Plötzlich kamen Menschen, die sich als Angehörige der allgemeinen Sicherheitskräfte bezeichneten, in die Werkstatt. Sie sahen seltsam aus, waren seltsam gekleidet und sprachen in verschiedenen Akzenten gebrochenes Arabisch. Sie schrien und fluchten. Sie befahlen mir, mich auf den Boden zu legen. Ich legte mich hin. Dann verlangten sie, dass ich mich wie ein Hund auf Hände und Füsse stelle. Ich kann nicht beschreiben, wie wütend ich in diesem Moment war; mit der kalten Mündung einer Waffe an meiner Stirn musste ich zwischen meinem Stolz und meiner Familie wählen. Und ich gehorchte.

Einer von ihnen setzte sich auf meinen Rücken, ein anderer band mir ein Seil um den Hals und zog mich daran herum. Sie hatten grossen Spass daran. Ich hingegen liess meine Tränen nach innen fliessen und betete nur darum, für meine Familie am Leben zu bleiben. Zum Glück begnügten sie sich damit, meine Werkstatt zu verwüsten und mich zu misshandeln.

Als ich an diesem Tag nach Hause kam, sagte ich niemandem etwas. Ohne meine Frau zu umarmen und meine Kinder anzufassen, ging ich direkt ins Bad. Obwohl es kein warmes Wasser gab, stand ich minutenlang unter der Dusche. Ich fühlte mich so beschmutzt, dass ich meine Liebsten in diesem Zustand nicht berühren konnte. Am Abendtisch waren alle etwas still, etwas traurig. Ich versuchte dagegen, so gut ich konnte, etwas Fröhlichkeit in die Runde zu bringen. Nachdem die Kinder ins Bett gegangen waren, sagte meine Frau, sie wolle mir etwas zeigen, und öffnete ihr Handy.

Ich sah mir das Video an. Auf meinem Rücken sass ein bärtiger Mann, um meinen Hals war ein Seil. Die Dschihadisten amüsierten sich köstlich darüber. «Wir haben ein alawitisches Schwein gefangen», riefen sie lachend. Einige nannten mich einen Hund, andere schrien «Ratte». Unter dem Video gab es Hunderte von spöttischen und herabwürdigenden Kommentaren. Einige äusserten ihre Wut darüber, warum sie mich nicht getötet hätten. In dieser Nacht sprachen meine Frau und ich lange miteinander und trafen eine Entscheidung.

Ich war kein Lehrer mehr, der die Welt blinder Kinder erhellte, sie hatten mich aus dem Dienst geworfen. Ich war kein Mechaniker mehr, der die Spielzeuge der Nachbarskinder reparierte, denn meine Werkstatt brannten sie nieder. Während die Welt über Politik sprach, lebten wir mit der Realität. Nach 13 Jahren Krieg waren wir müde von Gewalt, Armut und der ständigen Angst vor dem nächsten Tag, dem Gedanken des Überlebens. Aber als Held meiner Kinder musste ich mein Bestes geben. Vier Wochen später gelang es mir, heil in Deutschland anzukommen.

Es gäbe noch so viel zu erzählen, doch heute zählt nur ein Moment: meine Familie endlich wiederzusehen.

Als ich am Flughafen ankomme, bleibe ich kurz vor der Glastür des Haupteingangs stehen und sehe mein Spiegelbild. Ich lächele und denke mir: «Haider, du siehst heute wirklich gut aus. Den Blumenstrauss hast du genau nach dem Geschmack deiner Frau ausgesucht. Dein Herz klopft, als würde es gleich vor Aufregung aus der Brust springen! » Ich schwelge in Erinnerungen: Der Tag, an dem ich meine Frau kennenlernte, wird vor meinen inneren Augen wieder lebendig. Die Jahre von jenem Augenblick bis heute ziehen wie ein Filmstreifen an mir vorbei, bis mein Blick schliesslich bei einer schmerzhaften Szene hängen bleibt. «Verzeih mir, meine Liebe», murmele ich leise.

Pünktlich gehe ich gemeinsam mit einem Dolmetscher und einem Beamten zur Tür des Cargo-Ausgabebereichs. Die Menschen werfen erstaunte Blicke auf die Blumen in meiner Hand und auf mich. Wir übergeben die notwendigen Dokumente. Dann ist der Moment gekommen: Ich nehme meinen geliebten Sohn, meine wunderschöne Tochter und meine Frau, die Quelle meines Glücks, in hölzernen Särgen entgegen.

Ich lege die Blumen in meiner Hand auf den Sarg meiner Frau, breite meine Arme aus und umarme mit all meiner Kraft die drei Särge, so fest ich kann. Meine Brust wird eng und mein Hals schnürt sich zu. Ich weine, so viel ich nur weinen kann. Das ist unser «Wiedersehen». Auf eine Weise, die sich niemals jemand vorstellen will.

Um nicht wie ein Hund leben zu müssen, hatte ich mein Leben riskiert und war nach Deutschland geflohen. Meine Familie konnte auf legalem Weg nicht zu mir kommen, und die Massaker in Syrien nahmen unter der neuen islamistischen Regierung immer weiter zu. Deshalb entschied ich mich, sie auf illegalem Weg zu mir zu bringen. Ich verkaufte alles, was ich in Syrien besass und traf eine Vereinbarung mit Menschenschmugglern.

Die Fluchtroute über die Türkei war unmöglich, denn wer dort aufgegriffen wird, wird sofort nach Syrien zurückgeschickt. Das war uns zu riskant. Schliesslich fanden wir einen Weg über Ägypten nach Griechenland. Doch das Schicksal schlug gnadenlos zu. Das Boot ging in der Nähe von Kreta unter, meine Frau, eine meiner Töchter und mein Sohn ertranken.

Für die Gewissensbisse dieser Tage finde ich endlich Worte: «Es ist meine Schuld», sage ich. «Es ist meinetwegen geschehen. Ich war es, der wollte, dass ihr kommt. Dass ihr sterben könntet, ist mir nicht einmal im Entferntesten in den Sinn gekommen. Wenn ich nicht schon vor diesen Särgen begraben werde, dann nur wegen meiner kleinen Tochter, die überlebt hat.»

Die Staaten, die es nicht geschafft haben, meine Familie lebend zu mir zu bringen, legen mir ihre toten Körper in die Arme.

Als mein Weinen schliesslich nachlässt, hebe ich den Kopf und frage noch einmal nach meiner Tochter, die überlebt hat. Der Beamte sagt, sie stünden mit der griechischen Regierung in Kontakt und warteten darauf, dass die rechtlichen Verfahren abgeschlossen würden. Ich muss also wieder warten. Warten und hoffen, dass ich wenigstens sie lebendig empfangen kann. 
Nun gut, wie bereits erwähnt, heute ist ein wichtiger Tag. Ich habe meine Familie wiedergetroffen. 


In Gedenken an Zayn, Maha und Haydar.

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