9. November 2025 Reya Morgado
(Übersetzt von Ulrike Ulrich)
In einer Welt, die dich unterdrückt, dich zerstören will, dir mitteilen will, dass deine Identität, deine Liebe sündhaft und falsch seien – was bedeutet es da aufzustehen? Sich aus der Dunkelheit zu erheben? Die Farben des Regenbogens auf dem Rücken zu tragen?
LGBTQIA+ war immer schon mehr als nur eine Ansammlung von Buchstaben. Wir sind schon lange widerstandsfähig, hinterlassen Hoffnung und Licht für die, die im dunklen Nebel aus Verzweiflung und Vorurteilen umherirren. Und doch erheben wir uns jetzt neu, kämpfen um das blosse Existierenkönnen, mutig und unerbittlich.
Es geht darum, in einer Welt hinzustehen, die dich – im besten Fall – meidet und aussperrt, im schlimmsten Fall zu eliminieren versucht. Es geht darum, Narben in Sprache zu verwandeln, Sprache in einen Kampf; einen Kampf aber, in dem nicht Hände zum Einsatz kommen, sondern unsere Stimmen. Es geht darum, die eigenen Schwächen zu lieben, während andere versuchen, dich an den Pranger zu stellen, dich zu einer Person zu machen, die du nicht bist, dir deine Genialität abzusprechen.
Im Herbst 2024 wurde Reya Morgados Roman «Tabula Rasa – A Queer Love Story of Struggles and Freedom» (in englischer Sprache) von experi_theater in Zürich veröffentlicht und ist u. a. über deren Website erhältlich.
Queer revolution ist ein Kampf. Es ist die stille Rebellion eines laut gemurmelten «Ich existiere ». Es ist: Zuneigung austauschen, wenn viel auf dem Spiel steht. Es ist die Hoffnung – wie Blätter, die aus Bäumen spriessen, wie Glühbirnen, die inmitten eines Sturms aufleuchten. Eine Hoffnung, die nie versagt.
Also erheben wir uns, nicht weil es einfach ist, nicht weil wir ohne Angst sind, sondern weil die Welt uns sehen muss, hören muss, weil sie wissen muss, dass Liebe stärker ist als Hass, dass Mut lauter ist als Angst und dass wir, selbst wenn der Kampf nie enden wird, nirgendwo hingehen, dass wir bleiben.
Für viele war der Weg zur Gleichberechtigung mit unzähligen Hindernissen gepflastert – Diskriminierung, Mobbing und Schmerz. Mit abfälligen Bemerkungen und grausamen Witzen, die tief einschneiden und Narben hinterlassen, für das ungeübte Auge oft unsichtbar. Doch inmitten dieser herzzerreissenden Erfahrungen brennt ein Feuer von stillem Mut. Einem Mut, der dich trotz der Stürme, die in dir toben, trotz der fehlenden Akzeptanz einer dich nicht verstehenden Welt die Kraft finden lässt, dein wahres Ich zu zeigen.
Ungleichheit zieht sich durch die Gesellschaft wie Kette und Schuss durch den Stoff, manche Fäden treten deutlicher hervor als andere. Für die meisten Menschen in der LGBTQIA+-Gemeinschaft ist dies nicht nur Theorie, sondern reale Lebenserfahrung. Das kann bedeuten: keine medizinischen Leistungen in Anspruch nehmen zu können, den Arbeitsplatz zu verlieren oder aufgrund des Geschlechts Opfer von Gewalt zu werden. Es bedeutet, das eigene Menschsein immer wieder beweisen zu müssen. Auf diese Weise an den Rand gedrängt zu werden, bedeutet, etwas zu ertragen, was fast unmöglich zu ertragen scheint, und doch keimt aus dem tiefen Schmerz der Wandel auf. Aus dem Leiden der Gemeinschaft wächst ein vereinigendes, nie endendes Kämpfen für Gleichheit und Gerechtigkeit.
LGBTQIA+-Rechte bleiben ein Diskussionsthema, es muss noch viel getan werden. Es ist nicht nur ein Kampf unserer Generation, sondern einer, den schon vorangegangene Generationen geführt haben. Nicht nur unser Kampf; auch unsere Tradition. Wir kämpfen gegen die Strukturen, die uns verschleiern, gegen das Auslöschen und Othering. Wir kämpfen dafür, dass alle Menschen ein Leben ihrer Wahl führen können, ohne Gefahr zu laufen, wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität bestraft zu werden.
Es geht darum zu sagen: genug. Weiterzugehen, zu kämpfen und danach zu streben, dass alle, ob männlich, intersexuell, non-binär oder weiblich, befreit werden. Es geht darum, in einer Welt zu existieren, die dir die Existenz abspricht, und mutig zu leben, um ihr das Gegenteil zu beweisen. Für eine Welt der Freiheit: zu sein, zu träumen, zu wandern, zu küssen. Queer revolution ist nicht einfach ein Kampf für politische Anerkennung oder für die Möglichkeit, zu heiraten, wen wir wollen. Es geht darum, zu lieben, wenn der Hass die lauteste Stimme im Raum ist.
Queer revolution ist auch eine Feier der Vielfalt, der Liebe in all ihren Formen und des unbezwingbaren menschlichen Geistes. Es geht aber auch um das Kollektiv. Denn in jedem Akt des Widerstands, jedem Handhalten, jedem geteilten Kuss, jedem Schritt aus dem Schatten liegt eine Botschaft der Hoffnung: dass Liebe stärker ist, dass wir stärker sind und dass wir gemeinsam nicht nur den Tag überstehen, sondern siegen und gedeihen und vielleicht eines Tages ohne Angst oder Scham die sein werden, die wir sind.
Queer revolution ist ein starkes Statement der Kraft und des Trotzes dieser Gemeinschaft. Sie ist ein Appell, ein Weckruf, um darauf hinzuweisen, dass Gleichheit nicht garantiert ist, dass wir, trotz der schon gekämpften Kämpfe, alle eine Rolle bei der Schaffung einer toleranteren und gerechteren Gesellschaft spielen müssen.
Hier sind wir also, das letzte Blatt, das noch am Baum hängt. Auf uns muss gezählt werden. Wir sind bereit zu kämpfen.
Für unsere Rechte und für die Gleichheit, das queere kollektive Erinnern: das letzte Blatt.
Solidarisch mit geflüchteten Frauen & genderqueeren Menschen
Der Verein Inaya ist ein Solidaritätsnetzwerk für geflüchtete Frauen und LGBTQ+-Personen in Zürich, Bern oder Basel. Das Hauptanliegen seiner Mitglieder ist die Umverteilung von finanziellen Ressourcen von denjenigen, die mehr als genug haben, zu denen, die es dringend benötigen.
Damit INAYA Grundbedürfnisse sicher decken kann, ist der Verein auf finanzielle Solidarität angewiesen. Am sinnvollsten sind (auch kleine) Daueraufträge – damit können wir längerfristige Perspektiven aufbauen.
Das Geld wird umverteilt, um Notsituationen zu überbrücken: für sicheren Wohnraum ausserhalb von Camps, die notwendige Rechtsberatung, um beispielsweise die Umsetzung der Schulpflicht der eigenen Kinder einzufordern, für medizinische Behandlungen und psychologische Unterstützung, für Hygieneartikel, Fahrkosten und vieles mehr. Anders als bei gängigen Organisationen fliesst jeder Beitrag zu hundert Prozent in die oben genannten Zwecke.
Wohin kann ich einzahlen?
Verein INAYA Zürich
8005 Zürich
Konto: 16-23816-2
IBAN: CH63 0900 0000 1602 3816 2