7. Februar 2013 Tîgrana Farqîn und Michael Schmitz

Der Krieg nimmt den Kindern die Kindheit

as improvisierte Klassenzimmer von Mamoste Medya (Bild: Michael Schmitz)

In Amed (Diyarbekir) bringt ein Mädchen ihren Kolleg_innen die kurdische Sprache bei. Der Staat reagiert mit Repression.
 

Weine Diyarbekir (Digri Diyarbekir)

Wir waren nur Kinder
Ich war acht und mein Freund war elf
Wir lernten von unseren älteren Brüdern unsere ­Erwartungen an die Wände  zu schreiben
Amed war ein Traum von Freiheit und Frieden für uns
Ich war in zu weit entfernten Ländern
Dein Geruch nach Tigris und Euphrat ...
Du wirst mich eines Tages, wenn ich dich vergessen werde, in deinem Land begraben.
Regen wird von deinem Himmel strömen
und Liebe in dein Herz
Weine Diyarbekir, weine immer wieder, du hast einen deiner Liebhaber verloren
Das hat mich von meiner Liebe und deren Strassen entfernt
Ich vergesse nie meine Freunde aus diesen Tagen in Amed
Jetzt sehe ich sie auch in meinen Träumen ...
Lied von Rojhan Berken

An einem dieser langen, warmen Sommertage in der Schwarzsteinmauerstadt. Schwarz passt gut zu dieser Stadt. Ja, gut, aber wie gut? – Passt schwarz wegen der Rebellion, wegen des schwarzen Schickals einer seit langem vom Krieg betroffenen Stadt? Es passt einfach.

Er wacht früh durch die Rufe seiner Mutter auf und schaut frühmorgens Fernsehnachrichten. Das ist sein alltägliches Ritual, welches er von seinem Vater gelernt hat. Welche anderen Nachrichten kann man während eines Krieges im Fernsehen sehen, ausser jene von Blut, Tränen, Staatsgewalt … ? Fassungslos ballt er eine feste Faust: «In der Stadt Hakkari haben Befürworter der separatistischen Organisation Kinder für ihre Kundgebungen missbraucht.» Er aber hat andere Bilder als diejenigen, welche in den Mainstream-Kriegsapparat-Medien gezeigt werden, im Kopf: In verschiedenen Orten Nordkurdistans haben Leute mit Kundgebungen am 21. März das Newroz-Fest auf den Strassen gefeiert. Er wechselt den Sender. Zur gleichen Zeit sind wieder Anti-Terror Polizisten in Hakkari an der Arbeit. Eines von tausenden Beispielen grenzenlosen Staatsterrors: Ein dreizehnjähriger Junge (vielleicht linkspolitisch?), zwischen Geheimpolizisten, an den Armen festgehalten, ein blutiger Lumpen im Mund. Ein Polizist verdreht ihm den Arm bis dieser bricht. Mit von Schmerzen weit aufgerissenen Augen versucht der Junge zu schreien. Er kann aber nicht …

Das Bild war stark. Noch stärker als all die schlimmen Szenen, die er bisher gesehen und selbst erlebt hat. Auf seinem Weg zur Arbeit hat er diese immer noch vor Augen. Er kann sie nicht vergessen. Unterwegs begegnet er vielen Kindern auf der Strasse, alle haben das Gesicht des 13-jährigen Jungen. Er schliesst die Augen, weil er keine Kraft mehr hat, die Kindergesichter zu sehen. Trotzdem erscheint ihm das dreizehnjährige Mädchen Medya vor seinem inneren Auge. Sie unterrichtet Kollegen und Kolleginnen in Kurdisch, was eine verbotene Sprache ist. Vor dem türkischen Gericht ist das Menschenrecht auf die Muttersprache illegal: Krieg macht Kinder wach.

***

Durch enge, verwinkelte Gassen führt der Weg in Ameds Altstadt zum Haus der Familie Örmek. Vorbei an niedrig gebauten Häusern im für die Stadt typischen dunkelgrauen Gestein, vorbei an liebevoll restaurierten Moscheen und Kirchen, an den PKK- und Öcalan-Graffitis an den Wänden, vorbei an Kindern, die Taschentücher verkaufen. Die Altstadt Diyarbakirs ist ein Kriegsvertriebenenquartier, eines von vielen in der Stadt. Nachdem die Vertriebenen von der türkischen Armee in deren Kampf gegen die kurdische Arbeiterpartei PKK gezwungen wurden, ihre Dörfer zu verlassen, ist die Anpassung an das urbane Leben für sie schwierig. Vorher waren sie meist in der Landwirtschaft tätig, nun fehlt es ihnen an Ausbildung und Qualifikation für urbane Berufe. Sehr viele  haben gar keine oder nur unregelmässig Arbeit und haben nicht genug, sich mit den notwendigsten Lebensmitteln zu versorgen. Dennoch herrscht unter ihnen ein solidarischer Geist. Es gibt immer offene Türen für Gäste und Bereitschaft, was sie haben, zu teilen. Und wenn bei einer Demonstration Aktivist_innen vor den Polizeikommandos flüchten, schlagen sie jeweils den Weg in die labyrinthischen Gassen ein, denn sie wissen, dass sich schon bald eine Türe öffnen wird, um ihnen Unterschlupf zu geben.
Dann sind wir da. Zum Interview mit Mamoste Medya («Lehrerin Medya») versammeln sich auch die Eltern und zwei Brüder im Hof des Hauses. Im eigenen Ofen frisch gebackenes Brot wird offeriert – und natürlich der unausbleibliche Tee. Als Achtjährige hat Medya, vor etwas mehr als vier Jahren, mit Kurdischunterricht für ihre Kolleg_innen begonnen. Diese waren Kurd_innen wie sie, kannten aber als Folge der türkischen Assimilierungspolitik ihre eigene Sprache nicht mehr. Medya jedoch konnte noch nicht so gut Türkisch, da in ihrer Familie nur Kurdisch gesprochen wird. Anstatt dass sie sich nun überwunden hätte, Türkisch mit ihnen zu sprechen, weigerte sie sich und brachte ihnen Kurdisch bei. Bis jetzt spricht Medya nur in der Schule, wo sie dazu gezwungen ist, die Sprache der Besetzungsmacht. Dort muss sie jeden Schultag beim Appell dem türkischen Staat die Treue schwören: «Ich bin stolz, Türkin zu sein, und ich schenke mein Leben der türkischen Nation, um den Weg des grossen Führer Atatürk weiterzuführen.»

Medyas Widerstandsgeist steht in der Tradition der Familie. Als eine Verwandte der Familie beim Guerillakampf in den Bergen verletzt wurde, pflegte die Familie sie in ihrem Haus. Doch die Polizei fand es heraus und stürmte das Gebäude. Die Verwandte wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, der Vater verlor seinen Job bei der Regierung und musste für vier Jahre ins Gefängnis. Nachdem er frei gekommen war, gebar seine Frau eine Tochter: Medya, die zu Ehren der inhaftierten Verwandten deren Namen trägt.

Das misstrauische Auge des türkischen Staates wurde bald auf Medyas Kurdischkurse aufmerksam. Diese fanden nun in einem richtigen Schulzimmer im oberen Stock des Hauses statt. Der Raum trägt den Namen Cigerxwîns, eines bekannten kurdischen Dichters und politischen Aktivisten im 20. Jahrhundert. Als Medya am Ende eines Kurses Diplome verteilte, welche die offiziellen Zertifikate des türkischen Staates nachahmten, führte dies zu einer Intervention der Staatsanwaltschaft. Ihre Eltern, aber auch der kurdische Bürgermeister des Altstadtbezirks Sur wurden verhört, ohne dass schliesslich Anklage erhoben worden wäre. Ansonsten hätten ihnen sechs Jahre Gefängnis gedroht.
Dass es zu keiner Verurteilung kam, ist sicherlich auch der internationalen Kampagne zu verdanken, die gegen die Verfolgung von Medyas Familie lanciert wurde. Medien aus aller Welt, renommierte Zeitungen und TV-Kanäle berichteten über die spektakuläre Geschichte von «Mamoste Medya». Medya wurde zu einer Berühmtheit und einer Symbolfigur für den kurdischen Befreiungskampf. Gefangene Aktivist_innen malen Bilder für sie, die dann das Klassenzimmer schmücken. Sie sprach am kurdischen Neujahrsfest Newroz vor zehntausenden Menschen, und die Stadt ehrte sie für ihre Verdienste mit einem Preis. Es wird bald einen Dokumentarfilm über sie geben.

Medya aber ist bescheiden geblieben und beeindruckt vielmehr durch ihre wache Ausstrahlung. Den Eltern ist wichtig, dass sie die offizielle Schule, wo kein Kurdisch gesprochen werden darf, nicht vernachlässigt. Die Kurse finden nun vor allem während der Ferien statt. Es kommen wenige Schüler_innen im Moment, «weil die meisten Kolleg_innen schon gelernt haben», wie sie sagt.

Für Medyas Vater ist klar: Trotz des grossen Stolzes auf das Engagement seiner Tochter können Schulen wie diese nur eine temporäre Lösung sein. «Es braucht eine richtige, legale Grundlage für Schulbildung auf Kurdisch», betont er. Dieser selbstverständlichen Forderung verweigert sich der türkische Staat weiterhin. Und weiterhin riskieren auch alle, die sich für fundamentale Menschenrechte in der Türkei einsetzen, früher oder später im Gefängnis zu enden oder ins Exil gezwungen zu werden. Unter anderem sitzen über 2000 Kinder wegen Steinewerfens oder Ähnlichem im Gefängnis. Doch Medya hat keine Angst davor, später, wenn sie volljährig ist, verfolgt zu werden: «Das Gefängnis wäre nicht schlimm. Widerstand ist wichtiger, denn Sprache bedeutet Existenz.»

PS: Dieser Besuch war nur möglich dank der Kontakte, die Tîgrana Farqîn, ein kurdischer Freund aus Zürich, mir weitergegeben hat. Er selbst kann nicht zurück in seine Heimatstadt. Und die meisten Leute, die ich dort getroffen habe, müssten – ganz abgesehen von den finanziellen Schwierigkeiten – sehr hohe Visumshürden überwinden, wenn sie auch nur als Tourist_innen in die Schweiz kommen wollten. Nur ich genoss die Reisefreiheit des Privilegierten.

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