16. April 2026 Kamran Mohammadi
Dafür oder dagegen? Kaum sind im Iran die ersten Bomben eingeschlagen, waren die Meinungen gemacht. Die Lage ist aber zu komplex für simple Antworten.
Ich verfolge die Lage im Iran nicht nur mit Sorge, sondern mit einer bitteren Nüchternheit, die man entwickelt, wenn Krieg kein abstraktes Thema mehr ist. In den letzten Wochen wurde ich ständig gefragt: Wird das Mullah- Regime fallen? Bist du für den Krieg oder dagegen? Als gäbe es darauf eine klare Antwort, sauber, moralisch, eindeutig. Es gibt sie nicht.
Ich kann Krieg nicht gutheissen – und ich werde ihn ganz sicher nicht bejubeln. Aber wer diese Situation verstehen will, muss beim Kern anfangen: Wir reden nicht über ein gewöhnliches autoritäres System. Wir reden über ein Regime, das Gewalt perfektioniert hat. Ein System, das Unterdrückung bürokratisiert und mit akademischen Titeln legitimiert. Brutalität ist dort keine Ausnahme, sie hat System. Und dieses System hat eine Geschichte.
Seit der Entstehung des modernen iranischen Nationalstaates im frühen 20. Jahrhundert wurde «Einheit» immer wieder erzwungen – sprachlich, kulturell und politisch. Eine staatlich definierte Identität wurde zur Norm erklärt, alles andere zur Abweichung. Vielfalt wurde nicht integriert, sondern eingehegt. Was nicht passte, wurde als «Separatismus » markiert, politisch delegitimiert und eliminiert.
Im Iran darfst du bedingt Kurd*in, Belutsch*in, Araber*in oder Aseri sein (oft pauschal als «Minderheiten » bezeichnet – ein umstrittener Begriff, weil er Menschen allein nach deren anteilsmässiger Bevölkerungszahl einordnet und damit stillschweigend Hierarchien und ungleiche Rechte legitimiert). Aber nur, solange deine Identität sich in diese künstliche Einheit einfügt und mit dem offiziellen historischen Narrativ übereinstimmt. Macht und Sichtbarkeit von Minderheiten wurden über Jahrzehnte hinweg – vor und nach der Revolution von 1979 – ungleich verteilt, mit klarer Bevorzugung des Zentrums. Wohlstand konzentrierte sich dort, wo es die ethnische oder religiöse Nähe zur Macht gab. Armut hingegen wurde umfassend und systematisch an die Ränder delegiert.
Das ist kein Zufall. Das ist ein gewachsenes System von Ausgrenzung. Ein struktureller Rassismus, der nicht laut sein muss, um wirksam zu sein. Wer das nicht versteht, versteht den Iran nicht.
Umso irritierender ist, wie oberflächlich gerade jetzt über den Krieg gesprochen wird. Einige haben ihn offen bejubelt. Als wäre er ein politisches Instrument, das sich präzise einsetzen lässt. Als liesse sich sagen: Wir wollten, dass Khamenei fällt – aber bitte ohne diese und jene Folgen. Als wäre Krieg ein Menü mit Wahlmöglichkeiten. Als wäre der Krieg ein Spiel. Diese Haltung ist nicht nur naiv. Sie ist verantwortungslos.
Gleichzeitig wird der Iran erneut auf eine Figur reduziert: Reza Pahlavi erscheint als Lösung für ein Problem, für dessen Entstehung er – wie sein Vater, der gestürzte Schah – und viele andere selbst mitverantwortlich sind. Eine Fahne, ein Land, eine Führung – die Formel klingt vertraut. Zu vertraut. Sie erinnert mich an Deutschland im Jahr 1933.
Was dabei verloren geht, ist die Realität eines grossen Landes, das nie homogen war – und es auch nie sein wird.
Auch die Rolle der USA und Israels wird in dieser Debatte von manchen erstaunlich unkritisch behandelt – als wären sie Retter, die wegen der gebrochenen Menschenrechte im Iran schlaflose Nächte haben. Das ist eine Illusion. Luftangriffe können ein Regime schwächen, aber sie verändern nicht die gesellschaftlichen Strukturen. Zu glauben, aus der Luft lasse sich politische Ordnung schaffen, klingt eher nach einem Playstation-Spiel als nach Realität.
Und dennoch: Bei aller berechtigten Kritik darf man etwas nicht ausblenden. Wenn ein Regime, das auf systematischer Gewalt beruht, ins Wanken gerät, kann das auch Räume öffnen. Nicht durch den Krieg selbst, sondern durch das, was danach möglich wird. Eine Chance entsteht nicht durch Bomben, sondern durch Menschen, die diese Momente nutzen, um für Freiheit und Demokratie zu kämpfen.
Vielleicht liegt genau darin die Wahrheit dieses Moments: Ein Regime, das fallen muss. Ein Krieg, der keine Lösung ist. Und eine Gesellschaft, die erneut in Versuchung gerät, sich auf einfache Antworten einzulassen.
Ich bin nicht optimistisch. Aber ich bin auch nicht bereit, diese Vereinfachungen zu akzeptieren. Wenn es eine Zukunft gibt, dann nur jenseits von Personenkult und Bomben – nämlich dort, wo Vielfalt nicht mehr als Bedrohung gilt, sondern als Ausgangspunkt.
Alles andere wäre nur die nächste Wiederholung.