23. September 2026 Iuliia Bova und Yevheniia Stekh
Wer gezwungen ist, sein Herkunftsland zu verlassen, verliert sein Zuhause, seine Arbeit und sein soziales Umfeld. Erzwungene Migration ist für die Betroffenen ein tiefgreifender Einschnitt. Viele geflüchtete Menschen leiden unter Einsamkeit und Verlusterfahrungen. «Manchmal habe ich das Gefühl, nicht nur mein Land, sondern auch einen Teil von mir selbst verloren zu haben», sagte eine Frau gleich zu Beginn unseres Kunsttherapie- Kurses, den wir seit bald einem Jahr an der Autonomen Schule Zürich anbieten.
Wir kennen die Herausforderungen der Migration aus eigener Erfahrung. Letztes Jahr begegneten wir uns in einer Ausbildung zur Begleitung von traumatisierten Menschen, in der wir uns als Trainerinnen zertifizierten. Von Anfang an verband uns unsere Motivation, etwas Sinnvolles für geflüchtete Menschen zu tun. Und weil wir selbst erlebt haben, wie heilsam kreative Prozesse sein können, entstand die Idee, unser Fachwissen als Kunsttherapeutinnen in einem Kurs einzubringen.
Es braucht leicht zugängliche Unterstützungsangebote
Integrationsprozesse erfordern eine Anpassung an neue soziale, kulturelle und sprachliche Gegebenheiten. Solche Veränderungen gehen häufig mit chronischer Anspannung einher. Eine Kursteilnehmerin formulierte es so: «Ich funktioniere im Alltag, bin aber innerlich ständig angespannt.» Das Nervensystem reagiert auf anhaltende Überlastung mit erhöhter Angst, Schlafstörungen und negativen Gedanken. «Ich wusste nicht, wohin mit meinen Gedanken. Es war zu viel – Arbeitssuche, Sprache, Sorgen um meine Familie », sagte jemand.
Solche Rückmeldungen zeigen, wie wichtig Unterstützungsangebote für Geflüchtete sind. Einen leicht zugänglichen wie auch geschützten Raum bietet die Kunsttherapie. Sie ist eine Methode, die kreative Prozesse mit psychologischer Unterstützung verbindet. Durch künstlerisches Arbeiten lassen sich Stress und Angst reduzieren. Ein Raum für Selbstreflexion und spirituelle Themen öffnet sich.
Die Möglichkeiten von Kunsttherapie als Instrument zur emotionalen Regulation und psychologischen Unterstützung im Integrationsprozess bilden die Grundlage des Kurses, den wir jeden Dienstag für Ukrainer*innen anbieten. Am Kurs nehmen sowohl Frauen als auch Männer teil. Das Alter der Teilnehmenden ist sehr unterschiedlich: Der jüngste Teilnehmer ist 18 Jahre alt, die älteste 62. Die Gruppengrösse variiert stark. Manche kommen regelmässig, andere nur wenige Male, weil sie eine Arbeit oder eine Wohnung in einem anderen Kanton gefunden haben.
Wie die Erfahrungen zeigen, hilft der Kurs, aus der Isolation zu kommen. «Es war sehr wertvoll, gemeinsam in diesem Raum zu sein. Es herrschte eine warme Atmosphäre», lautete eine Rückmeldung. Andere gaben zu Protokoll: «Hier fühlt man sich nicht allein mit seinen Gedanken.» Oder: «Es war schön, unter Menschen zu sein, die Verständnis und Unterstützung zeigen. Es entstanden neue Ideen, wie man weiterleben und kleine Momente geniessen kann.» Und: «Hier kann ich mich selbst und ohne Angst kreativ sein.»
Wertschätzendes Klima
Damit unser Kursraum für alle ein geschützter und angenehmer Ort bleibt, gelten folgende Grundsätze: gegenseitiger Respekt und Unterstützung sowie Vertraulichkeit. Das heisst, alles, was im Kurs besprochen wird, bleibt innerhalb der Gruppe. Es wird auf Bewertungen der Arbeiten oder Aussagen anderer verzichtet. Alle übernehmen Verantwortung für den gemeinsamen Raum und die Materialien. Auch Präsenz und Achtsamkeit sind wichtig. Zur bewussten Teilnahme gehört, sich nicht von Mobiltelefonen ablenken zu lassen.
Die wöchentliche Kunsttherapie dauert zwei Stunden. Sie beginnt jeweils mit einer Kennenlernrunde. Wer will, kann seinen Namen nennen, muss aber nicht. Ebenso steht es den Kursteilnehmer*innen frei, zu erzählen, wie sie sich fühlen. Das Ziel ist es, die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu richten, belastende Gedanken loszulassen und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
Für jedes Treffen bereiten wir ein aktuelles und für die Gruppe relevantes Thema vor. Einmal ging es um «Nein sagen und persönliche Grenzen setzen». Ausgangspunkt waren Alltagssituationen, etwa die Frage, wie ich einem Kollegen oder einer Kollegin freundlich, aber bestimmt mitteile, dass ich nach Feierabend nicht länger am Arbeitsort bleiben kann. Viele Teilnehmende berichteten von der Angst, als schwierig, unbequem oder undankbar wahrgenommen zu werden. «Ich habe oft Ja gesagt, obwohl ich Nein meinte – aus Angst, meine Stelle zu verlieren », berichtete jemand.
Im kreativen Teil stehen das Zeichnen und Malen im Vordergrund. Nach einer solchen Übung meinte eine Kursbesucherin: «Jetzt verstehe ich, dass mein Nein auch ein Schutz für mich ist.» Durch das Malen wurde «Nein» nicht als Ablehnung anderer, sondern als Ausdruck von Selbstfürsorge und innerer Stärke erfahrbar. In der anschliessenden Gesprächsrunde entstand die gemeinsame Erkenntnis, dass persönliche Grenzen kein Egoismus sind, sondern eine notwendige Voraussetzung für seelische Stabilität.
Das Bedürfnis der Teilnehmenden ist gross, über ihre aktuelle Situation zu sprechen. Viele interessieren sich besonders dafür, wie sie sich in der Schweiz integrieren und anpassen können. Sie suchen Wege, um Angehörige in der Schweiz und in der Ukraine zu unterstützen. Direkte Gespräche über Kriegstraumata stehen meist im Hintergrund. «Ich möchte nach vorne schauen. Ich brauche Kraft für das Leben hier», sagte eine Fluchtbetroffene stellvertretend für viele andere.
Neue Ideen, neue Perspektiven
Ein zentraler Effekt des Kurses ist die deutliche Reduktion der Angstgefühle. «Während der Sitzung konnte ich zum ersten Mal seit Langem wirklich durchatmen», sagte jemand. Andere Teilnehmer*innen berichteten, dass während und nach den Sitzungen die ständige innere Anspannung verschwunden und ein Gefühl von Ruhe und innerer Balance entstanden sei. Der kreative Prozess hilft ihnen, auch schwierige Emotionen zuzulassen – aber ohne Druck, diese in Worte fassen zu müssen. Die Fluchtbetroffenen entwickeln neue Ideen und Orientierungspunkte, wie sie das Leben in der Schweiz gestalten könnten. Ihre inneren Ressourcen werden aktiviert, Wünsche, Pläne und Möglichkeiten im neuen Lebensumfeld sichtbar. Die Kunsttherapie hilft also nicht nur, sich zu erholen, sondern ermöglicht auch, Perspektiven und innere Stabilität zu entwickeln.
Insgesamt zeigt sich der Kunsttherapie- Kurs in Zürich als wirksames und leicht zugängliches Instrument zur emotionalen Unterstützung von Ukrainer*innen im Ausland. Er trägt dazu bei, Ängste zu reduzieren, den emotionalen Zustand zu verbessern und das Gefühl der Kontrolle über das eigene Leben auch unter schwierigen Umständen zurückzugewinnen.
«Ich hoffe, dass noch viele andere Menschen den Weg zu diesem Raum finden», sagte uns kürzlich eine Teilnehmerin. Die Chancen stehen gut. Geplant ist, das Angebot auch für andere Sprachgruppen zu öffnen, um mehr geflüchteten Menschen Zugang zu psychischer Unterstützung zu ermöglichen.