22. September 2026 Rony Bora, Daru und Jennifer
Am 6. Februar 2023 bebte die Erde in der Türkei. Vor der katastrophalen Nacht hatte ich Gäste: meine Nichte, ihre Kinder und ihren Mann. Wir sprachen über Erdbeben. Wir wussten nicht, dass uns genau so ein Beben bevorstand … Vielleicht hatten wir es gespürt.
Aus dem Nichts ertönte eine Stimme. Zuerst war sie leise. Ich verstand nicht, was es war, woher sie kam, ob sie von einem Menschen stammte. Und dann wurden unsere Betten geschüttelt. Meine Frau wachte auf: «Es ist ein Erdbeben! Es ist ein Erdbeben!» Sie versuchte in das Kinderzimmer zu gelangen. Ich stand unter Schock und wusste nicht, was ich machte. Ich setzte mich neben das Bett und hielt die Hände über den Kopf. Ich wollte mich schützen. Ich hatte solche Angst.
Das Erdbeben dauerte etwa zwei Minuten, es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Und es war sehr stark. Als es sich scheinbar abschwächte, versuchten wir aus dem Haus zu rennen. Doch dann bewegte sich wieder alles. Die Wände bekamen Risse. Das Regal fiel von der Wand, das Bett schützte mich aber vor Verletzungen. Ich dachte, ich würde sterben. Ich dachte, es wäre mein letzter Tag. Ich dachte an die Zukunft, in der ich nicht mehr sein würde.
Doch so weit kam es nicht: Meine Frau, meine zwei Töchter und ich überlebten die Katastrophe. Als das Beben vorbei war, versuchten wir die Wohnung zu verlassen, aber die Türen waren verkeilt. Ich musste sie mit Gewalt öffnen. Das Gebäude stand noch, aber die Wände waren teilweise zusammengefallen. Während ich meiner älteren Nachbarin aus dem Haus half, verlor ich kurzzeitig meine Familie aus den Augen. Erst draussen fand ich sie wieder; sie waren über eine andere Treppe aus dem siebenstöckigen Gebäude in Iskenderun geflohen. Viele Leute standen draussen, manche weinten. Zum Glück hatten wir ein Auto. Dieses Auto wurde unser neues Zuhause.
Meine Frau wollte, dass wir zu ihrer Schwester fahren, um nach ihr zu schauen. Doch auf den Strassen herrschte ein riesiger Stau. Das Erdbeben kam wieder – ein Nachbeben. Vor unseren Augen fiel ein Haus in sich zusammen. Viele Gebäude waren eingestürzt, und es war unmöglich, zur Schwester meiner Frau zu gelangen.
Wir harrten 20 Tage im Auto aus. Es gab keine Hilfe, viele Einrichtungen waren vom Erdbeben zerstört worden. Es war Februar und darum sehr kalt, und es regnete.
Ein Freund von uns und seine Familie hatten ein Haus. Dort kamen wir vorübergehend unter, aber wir waren über 30 Menschen in einem Haus, das nur aus zwei Räumen bestand. Also entschieden wir: Nur Frauen und Kinder sollen im Haus bleiben, alle anderen müssen im Auto schlafen. Unsere Kinder fühlten sich aber nicht sicher und blieben mit mir im Auto.
Der Motor lief die ganze Nacht – damit die Heizung den Innenraum wärmen konnte. Deshalb brauchten wir immer wieder Benzin. Manchmal konnten wir nicht tanken, weil die Kreditkarten nicht funktionierten. Wir benötigten Bargeld, doch wir konnten es nirgends holen, weil auch die Banken zerstört waren. Schliesslich liehen wir Geld bei Freunden aus.
Nach einer Woche im Auto wollten die Kinder zu ihren Grosseltern. Meine Frau fuhr mit ihnen für einen Monat nach Elazıg im Osten der Türkei, ich blieb zurück, um den Dagebliebenen zu helfen. Manchmal verteilte ich Kleider, manchmal Essen. Manchmal besuchte ich die Kinder, die ich als Lehrer unterrichtet hatte. Irgendwann erfuhr ich, dass nicht alle meine Schüler* innen das Erdbeben überlebt hatten.
Wir fanden schliesslich eine leere Wohnung, eine halbe Stunde Autofahrt von unserem alten Haus entfernt. Sie war auch vom Erdbeben beschädigt, aber noch bewohnbar. Es gab viele weitere kleinere, manchmal grössere Nachbeben. Mit der Zeit wurde uns diese unheimliche Stimme vertraut – die, die ein Beben ankündigte und die ich schon vor dem ersten grossen Beben gehört hatte. Zuerst war sie leise, dann wurde sie so laut wie eine Explosion. Wenn wir sie hörten, wussten wir, dass wir das Haus verlassen mussten.
Obwohl wir jetzt wieder eine Bleibe hatten, schliefen wir oft draussen, auch bei Regen. Wir hatten Angst, nachts würde ein Erdbeben kommen. Irgendwann erreichte uns Hilfe aus verschiedenen Ländern wie Indien und Deutschland. In Iskenderun bauten sie ein deutsches Hilfezentrum. Jeden Tag fuhren wir hin, um etwas zu Essen zu bekommen. Duschen konnten wir nicht. Manchmal wusste ich nicht, wann ich das letzte Mal geduscht hatte.
Die Regierung der Türkei sprach offiziell von circa 62’000 Toten, andere Schätzungen gingen von weit mehr Opfern aus. Die Regierung der AKP um Präsident Erdogan verkleinerte die Zahl. Ich bin überzeugt, dass sie der Welt die Katastrophe nicht zeigen wollte. Sie wollte unserer Region weniger Hilfe schicken, da es ein kurdisches und alevitisches Gebiet ist, aus dem sie wenig Stimmen erhält. Erdogan behauptet, die Türkei sei stark; er will keine Schwäche zeigen und deshalb keine Hilfe annehmen.
Drei Jahre ist es her. Meine Familie und ich, wir entkamen knapp dem Tod.
Es war September 2023, als wir unser Heimatland verlassen mussten und in die Schweiz kamen. Unsere adoptierte Tochter durfte nicht mit uns in die Schweiz. Die türkischen Behörden teilten uns mit, dass sie sie in eine andere Region schicken wollten. Die Schwester meiner Frau und ihr Mann nahmen sie schliesslich auf. Sie hat die Aufnahmeprüfungen bestanden und studiert nun. Eines Tages will sie uns besuchen.