7. Juli 2026 Interview: Tinamans

«Geflüchtete werden richtiggehend zurück geprügelt»

Die Zürcher Pfarrerin Verena Mühlethaler hat Geflüchtete auf der Balkanroute besucht. Ein Gespräch über das lebensgefährliche Überschreiten der EU-Aussengrenze und die gnadenlosen Rückschaffungen aus der Schweiz nach Kroatien.

Wie könnte eine andere Migrationspolitik aussehen? Das fragen sich Verena Mühlethaler und andere Mitglieder vom Schweizer netzwerk migrationscharta.ch. Die Zürcher Pfarrerin ist 2025 zum zweiten Mal mit Mitstreiter*innen nach Kroatien und Bosnien gereist. 

Warum habt ihr euch zu dieser Reise entschlossen? 
Vom netzwerk migrationscharta.ch aus stehen wir mit Geflüchteten in Kontakt. Viele von ihnen erzählten uns schlimme Dinge, die sie in Kroatien erlebt haben. Wir wollten uns die Situation vor Ort anschauen und auch sehen, was sich seit unserer letzten Reise im Jahr 2023 geändert hat. 

Kroatien liegt an der EU-Aussengrenze … 
Deshalb ist diese Grenze besonders wichtig. Wir besuchten Kroatien und Bosnien, also beide Seiten der EU-Aussengrenze: Kroatien innerhalb, Bosnien ausserhalb. Kroatien bewacht die Grenze extrem stark und versucht, möglichst viele Leute nach Bosnien zurückzuschicken oder zu prügeln. 

Was habt ihr konkret gesehen? 
In Kroatien gibt es nur zwei grössere Empfangszentren, eines in Zagreb und eines in Kutina. Das dritte Zentrum, das wir gesehen haben, ist in Bihać, bereits in Bosnien. In Zagreb trafen wir etwa 20 Geflüchtete. Es waren auch Menschen dabei, die wegen des Dublin-Systems aus der Schweiz zurückgeschickt wurden. Letztes Jahr hat die Schweiz 462 Personen nach Kroatien zwangsausgeschafft, so viele wie noch nie, darunter auch kranke Menschen. Doch die allermeisten wollen nicht in Kroatien bleiben – auch weil sie von der kroatischen Polizei schon Gewalt erfahren haben. 

Welche Art von Gewalt erleben Geflüchtete in Kroatien? 
Kroatien hat ein Abkommen mit Bosnien. Dadurch können sie Leute wieder zurückschicken, obwohl Bosnien kein funktionierendes Asylsystem hat. Darüber hinaus finden an der Grenze auch Pushbacks durch die kroatische Polizei statt. Geflüchtete werden richtiggehend zurückgeprügelt und man nimmt ihnen das Handy weg. Kommen sie aber trotz allem in Kroatien an, müssen die Geflüchteten einen Letter of Intent unterschreiben. Eine Absichtserklärung, die besagt, dass sie in Kroatien ein Asylgesuch stellen wollen. Von der Grenzpolizei werden sie manchmal zwei Tage in einem Container eingeschlossen und zur Unterschrift gezwungen. 

Seltsam. Einerseits will Kroatien die Menschen auf der Flucht loswerden, anderseits dazu bringen, ein Asylgesuch zu stellen? 
Gemäss EU-Recht müssten alle, die hier die Grenze überqueren, ein Asylgesuch stellen, da Kroatien das erste EU-Land ist, das sie erreichen. Doch diese Absichtserklärung ist schizophren: Nachdem die Geflüchteten unterschrieben haben, werden sie wieder ihrem Schicksal überlassen. Nur eine kleine Minderheit stellt wirklich einen Asylantrag. Etwa 30’000 Personen haben 2024 diese Absichtserklärung unterschrieben, etwa 1000 haben um Asyl ersucht, etwa 80 haben Asyl bekommen. Also extrem wenige. Aber etwas läuft in Kroatien besser als bei uns: Geflüchtete dürfen nach drei Monaten arbeiten, wenn sie Arbeit finden. Kinderbetreuung, Sprachunterricht und Integrationshilfe gibt es von staatlicher Seite jedoch nicht. Ausserdem ist die medizinische Versorgung nicht zufriedenstellend. 

Woran fehlt es? 
Es fehlt an Medikamenten und der Möglichkeit, eine*n Ärzt*in aufzusuchen. Ein riesiges Problem ist die fehlende psychologische Unterstützung. In Bihać beschwerten sich die Menschen auch über die Wohnverhältnisse. Die Kinder haben kaum Spielmöglichkeiten, im Sommer wird es in den Containern fürchterlich heiss. Ausserdem gibt es Ungeziefer wie Wanzen, Bettwanzen, Kakerlaken oder Ratten. Leider wurden wir nicht ins Lager hineingelassen, es ist alles umzäunt. Neben den Containern waren Abfallberge. Das ist menschenunwürdig. 

Im Juni ist das neue Asylsystem der Europäischen Union in Kraft getreten. Wie wird sich das auswirken? 
Vieles wird noch verschärft werden. Die Asylverfahren sollen ausgelagert und bereits an der Aussengrenze durchgeführt werden, also vor allem in Lagern, in denen teilweise haftähnliche Bedingungen herrschen. Danach sollen die Asylsuchenden auf ganz Europa verteilt werden. Ein Land kann sich aber freikaufen und Geld zahlen, damit es keine Geflüchtete aufnehmen muss. In Binnenländer wie die Schweiz werden wahrscheinlich weniger Menschen gelangen. Änderungen gibt es auch bei den Fristen: Die Dublin-Überstellungsfrist wird von 6 Monaten auf 12 erhöht. So lange muss ein geflüchteter Mensch in der Schweiz damit rechnen, in das Land überführt zu werden, in dem er die Schengen-Aussengrenzen erstmalig übertreten hat. Erst danach kann die geflüchtete Person ein Asylgesuch stellen. Und wenn jemand untertaucht, wird die Frist von 18 auf 36 Monate erhöht. Die immer härteren Spielregeln sind ein Resultat davon, dass sich europäische Regierungen durch rechtsextreme Gruppen unter Druck setzen lassen. Fundamentale Rechte werden immer mehr ausser Kraft gesetzt. Das Menschenrecht, in einem sicheren Land um Asyl zu ersuchen, wird zu einem Game. 

Was meinst du mit «Game»? 
Die Geflüchteten werden abhängig von Schleppern und Mafia-Banden. Sie selbst nennen das Überschreiten der EU-Grenzen «The Game», «das Spiel». «Wir gehen wieder aufs Game», sagten sie uns im Grenzgebiet in Bosnien. Ein Syrer hat schon fünfzehnmal versucht, über die bosnisch-kroatische Grenze zu kommen. Er war total desillusioniert und sagte, er gebe auf, er versuche, zurück nach Syrien zu gehen. Die Menschen sind in the middle of nowhere gefangen. «The Game» ist ein lebensgefährliches Spiel. 

Sterben auch auf der Balkanroute Menschen, nicht nur im Mittelmeer? 
In Bihać waren wir auf einem riesigen Friedhof. Der Friedhof war voller Gräber aus den 1990er Jahren, aus dem Bosnienkrieg. In einer Ecke stehen ein paar Kreuze und Grabsteine für geflüchtete Menschen. Manchmal mit, manchmal ohne Namen. Hier werden Menschen begraben, die tot aufgefunden worden sind. Der Grenzfluss zwischen Bosnien und Serbien ist sehr gefährlich, dort ertrinken immer wieder Menschen. Manche werden auch einfach im Wald tot aufgefunden. Denn in die EU-Aussengrenzen wird ja immer mehr Geld reingesteckt, und es wird immer mehr militarisiert. Das heisst, es wird für die Menschen auf der Flucht immer gefährlicher. Und dann gibt es noch ein anderes schreckliches Phänomen. 

Was für ein Phänomen? 
Im Wald an der Grenze streunen Gangs herum, die Geflüchtete gefangen nehmen und foltern. Die Gefangenen müssen den Kriminellen die Telefonnummern ihrer Familien geben. Dann wird die Familie erpresst und muss den Gangs Geld überweisen, damit ihre Angehörigen freigelassen werden, wie dies auch auf anderen Fluchtrouten geschieht. Es sollen teilweise auch ehemalige Geflüchtete in den Gangs mitmachen. Was für Abgründe gibt es in den Menschen, dass sie die Ohnmächtigsten und Verletzlichsten derart ausbeuten? 

Welche Erkenntnisse hast du aus dem Balkan mitgenommen, die auch für die Schweiz relevant sind?
Erstens haben wir festgestellt, dass die Lage der Geflüchteten zwei Jahre später immer noch fast gleich prekär ist, bis auf eine kleine Verbesserung im medizinischen Bereich. Kroatien ist und bleibt ein Transitland. Die Schweiz sollte zumindest Familien und andere verletzliche Menschen nicht nach Kroatien zurückschaffen. Es gibt für solche Fälle die Möglichkeit des sogenannten Selbsteintritts. 

Die Schweiz könnte also von sich aus Asyl anbieten? 
Gesetzlich wäre es jederzeit möglich, auf das Asylgesuch von vulnerablen und traumatisierten Menschen einzutreten. Doch das wird höchst selten gemacht. Die Schweiz schafft, verglichen mit anderen EU-Ländern, ziemlich gnadenlos aus. Aber es gibt neben den Einsichten in die Mechanismen der Migrationspolitik noch einen anderen Grund, warum diese Reise so wichtig war: Wir hatten direkten Kontakt mit den Geflüchteten sowie den Menschen in Bosnien und Kroatien, die sich für die Menschenrechte einsetzen. Mit sehr wenig Geld leisten Engagierte vor Ort wichtige humanitäre und rechtliche Arbeit. 

Und wofür haben dir die Gespräche mit den Geflüchteten die Augen geöffnet? 
Es ist trotz allen Schwierigkeiten extrem wichtig, vor Ort zu sein und den Menschen als Gegenüber zu begegnen. Die Geflüchteten haben sich sehr bedankt – einfach dafür, dass wir ihnen zugehört und mit ihnen gesprochen haben. Eigentlich das Normalste der Welt, aber in ihrer Situation fast schon ein Wunder. Ein junger Geflüchteter schrieb uns: «Sie haben uns aufmerksam zugehört und mit Worten voller Freundlichkeit und Respekt zu uns gesprochen. Diese für Sie vielleicht einfachen Momente bedeuten uns sehr viel.»  


netzwerk migrationscharta.ch

Das netzwerk migrationscharta.ch basiert auf dem Grundgedanken, dass alle Menschen frei sind und aus biblischer Perspektive ein Recht auf ein Leben in Sicherheit haben. Deshalb hat das aus Schweizer Kirchenleuten bestehende Netzwerk 2015 Grundsätze einer gerechten Migrationspolitik formuliert. Das sei nötig, weil sich der öffentliche Diskurs über Flucht und Migration in der Schweiz oft weit von ethischen Leitlinien entfernt habe. «Die Verschärfungen der Migrations- und Asylgesetzgebung verletzen elementare Rechtsgrundsätze.» 

migrationscharta.ch  


Beim Namen nennen

Die Aktion «Beim Namen nennen» findet um den Flüchtlingssonntag am 21. Juni 2026 in verschiedenen Schweizer und deutschen Städten statt. Dabei wird an all jene Menschen erinnert, die im vergangenen Jahr auf der Flucht gestorben sind. Eine NGO aus Holland sammelt seit 1993 akribisch alle Informationen aus ganz Europa, mit den Angaben von verschiedenen NGOs erstellt sie eine Datenbank. Allein letztes Jahr waren es mindestens 66’000 Todesopfer. 

beimnamennennen.ch 
unitedagainstrefugeedeaths.eu 


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