4. Juni 2024 Nadiia Kravchenko

Wie Geflüchtete in der Schweiz Arbeit finden können: ein Plan

Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist für Geflüchtete mit hohen Hürden verbunden – egal, wie qualifiziert und motiviert sie sind. Wie es anders gehen könnte. Und wie alle davon profitieren würden.

Das Thema Migration verschwindet in der Schweiz nicht aus den Zeitungen und Fernsehsendungen. Es wird ständig über Migrant:innen und ihre Probleme gesprochen. Was diese Menschen erleben, wird vor allem von zivilgesellschaftlichen Akteur:innen (wie etwa der ASZ) erzählt, in denen selbst viele Migrant:innen aktiv sind.

Aus anderen Gründen ist es auch die Ultrarechte, die das Thema Migration aufgreift. Die Linke, die vermutlich mit anderen Themen ausgelastet ist, schafft es nicht, sich richtig in die Diskussion einzubringen. Dabei wäre es wichtig, die Probleme anzugehen, die Geflüchtete im Alltag beschäftigen.

Das Ziel sollte sein, dass eine Person, die aus einem anderen Land fliehen musste, sich selbst und ihre Familie in der Schweiz versorgen kann. Das ist keine leichte Aufgabe, denn die Lebenshaltungskosten hierzulande sind hoch. Selbst wenn Migrant: innen in ihrem Land zuvor viel verdienten, würde dieses Einkommen wohl nicht ausreichen, um zum Beispiel in Zürich zu leben oder in einer Stadt nur schon die Miete zu begleichen.

Ein weiteres Problem: Gewisse Menschen, die vorher etwa als Lehrer oder Autorin – sprich: mit Sprache – gearbeitet haben, müssen ihren Beruf aufgeben und ganz von vorne beginnen. Zudem gibt es viele (aus-)gebildete Geflüchtete, deren Diplome in der Schweiz nicht anerkannt werden. Das gilt zum Beispiel für die ukrainischen Diplome von Gabelstaplerfahrer: innen, Kranführer:innen, Architekt: innen, Buchhalter:innen, Kindererzieher: innen.

All diese hochqualifizierten Menschen könnten auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden; ihre Erfahrung wäre wertvoll für die Arbeitgeber:innen, durch den Lohn hätten die Geflüchteten ausserdem mehr Geld zur Verfügung, wären womöglich nicht mehr auf finanzielle Unterstützung durch den Staat angewiesen und könnten Steuern zahlen.

Warum also werden den Migrant:innen so viele Hindernisse in den Weg gelegt? Warum wird der Integrationsprozess durch die Bürokratie verlangsamt? Warum ist eine geflüchtete Person, die arbeitet, eher die Ausnahme als die Regel?

Um das anzugehen, wäre es zuerst einmal wichtig, dass mehr Parteien und Institutionen in den Integrationsprozess mit einbezogen werden. Die Migrationsbehörden – das SEM oder die kantonalen Migrationsämter – allein reichen nicht. Und auch die Sprachschulen allein reichen nicht. Denn sie erhalten häufig Geld für ihre Kurse, und oft werden geflüchtete Personen in diesen Kursen bloss darauf vorbereitet, eine Prüfung zu bestehen. Nach der Prüfung hat man dann vielleicht ein Zertifikat, auf dem «Niveau B1» steht, aber im Alltag auf diesem Niveau zu sprechen, ist immer noch schwierig.

Wichtiger als die Schulen sind daher die Lehrpersonen. Für einen guten Integrationsprozess braucht es Lehrpersonen, die an ihren Gegenübern interessiert sind. Es ist von zentraler Bedeutung, dass die Meinung der Schüler:innen zählt und eine Lehrperson, die sich zum Beispiel unfair gegenüber gewissen Gruppen verhält, suspendiert wird (wenn sich viele Schüler: innen beschweren).

Es sollte möglich werden, offene Stellen mit geflüchteten Personen zu besetzen, welche Skills für diese Jobs mitbringen. Das wäre interessant, denn ein erfahrener Coiffeur oder eine erfahrene Architektin braucht nicht nochmals eine dreijährige Ausbildung. Es bräuchte nur eine kurze Weiterbildung, um die Schweizer Eigenheiten in diesem Berufsfeld kennenzulernen. Zudem wären Kurse gut, die dabei helfen, die Fachsprache – den Jargon, die Vokabeln – zu lernen, die spezifisch für diesen Job hilfreich sind.

In den Fällen, bei denen es um mehr geht als um eine kleine Anpassung, wäre es ausserdem denkbar, Weiterbildungen anzubieten, die den Leuten helfen, innerhalb der Branche einen ähnlichen Job zu finden. Ein Busfahrer könnte sich zum Beispiel zum Tramfahrer weiterbilden. Ein Hydroingenieur könnte lernen, welche Art von technischer Wartung die Wasserkraftwerke in der Schweiz praktizieren. Oder eine Journalistin könnte Assistentin im Medienbereich werden. Vermutlich bräuchte es in all diesen Fällen nur eine kleine Umschulung. Und für Menschen, die einen neuen Beruf erlernen wollen oder deren Profil auf dem lokalen Markt nicht gefragt ist, sollte es auch die Option einer kompletten Umschulung geben. Dazu sollten die geflüchteten Personen informiert werden, welche Berufe gerade gefragt sind.

Insgesamt wäre es sinnvoll, wenn es mehr Austausch gäbe zwischen den Migrationsbehörden, den Sprachschulen und den Unternehmen, die qualifizierte Arbeitskräfte suchen. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise eine Art Vorbereitungszentrum für qualifizierte Migrant: innen zu schaffen. Dieses Zentrum würde so funktionieren, dass die Migrationsbehörden Daten zur Verfügung stellen, die informieren, wie viele Migrant:innen es zu einem bestimmten Zeitpunkt mit welchen beruflichen Kenntnissen gibt. Dann würden die Behörden spezifische Sprachkurse finanzieren, welche über dieses Vorbereitungszentrum koordiniert würden. In diesen Kursen (sobald das Sprachniveau B1 erreicht wäre) würden Menschen, die vorhaben, in ähnlichen Berufen zu arbeiten, Deutsch lernen – mit Fokus auf ihren Fachbereich. Dann wiederum sollten die Unternehmen auf das Vorbereitungszentrum zugehen – mit den Informationen, welche Stellen bei ihnen gerade offen und welche Kompetenzen gefragt sind. Die Unternehmen würden dann wiederum die Weiterbildungskurse finanzieren, welche die Migrant:innen benötigten, um die lokalen Unterschiede in den Berufen kennenzulernen.

Kurz: Die Migrationsbehörden, die Unternehmen, die Sprachschulen und die Weiterbildungsschulen würden alle gemeinsam am gleichen Strang ziehen – und das vorgeschlagene Zentrum würde den Austausch der vier Player koordinieren.

Mit kleinen Anpassungen wäre so viel möglich. Packen wir es an!

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